Grischa News vom 16.03.2003

Jedem unbedarften Neu-Schweizer bieten sich im Alpnländli ein Hand voll überraschungen. Auch ich zähle mich seit einigen Wochen zu den permanent Erstaunten. Dachte ich doch jahrzehntelang, die Schweiz sei im grossen und ganzen wie österreich oder Bayern – nur mit einer anderen Fahne – wo die Ureinwohner einen komischen Dialekt sprechen. Das hat natürlich mit der eingebildeten überlegenheit des Hochdeutschen zu tun, die wir Hannoveraner mit uns Herumtragen.
Natürlich beabsichtige ich hier nicht, auf meine neue Heimat.tmp zu schimpfen, denn es gibt hier wahnsinnig tolle Sachen: Berge (was für eine überraschung), die aussehen, als würden Einsatzkräfte mehrmals täglich die Hänge und Bäume staubsaugen, wischen und bohnern, unglaublich saubere und trockene Luft, die dazu führt, dass auf den morgendlichen 10 Metern vom Hotel zum Auto bei minus 20 Grad jeder Popel in der Nase einfriert und auf diese Weise für den Rest des Tages konserviert bleibt, den herrlichen Davoser Bergsee, der sommers wie winters einlädt, ihn zu umrunden, was einem im Sekundentakt neue Postkartenmotive vor Augen führt, freundliche Menschen (die mich im übrigen häufig genauso wenig verstehen, wie ich sie), die Möglichkeit, in der Mittagspause mal eben für 2 Stunden auf die Piste zu gehen, sich ein paar Knochen zu brechen und von den Forschungsergebnissen des Arbeitgebers zu profitieren, und – ja natürlich – Käsefondue!

Darüber brauche ich wohl keine Worte zu verlieren, denn was gibt es besseres, als den ganzen Abend kleine Brotstücke in geschmolzenen Käse zu dippen. Leider liegt dieses Leckerli auch ganz schön schwer im Magen. Meine persönliche Vermutung lautet, das der schweizer Käse in geschmolzen-wiedererstarrtem Zustand einfach nicht mehr die typischen Löcher aufweisst.

Ich muss an dieser Stelle aber auch eine Warnung aussprechen: es gibt einige Punkte, die man hier in Davos strikt beachten muss, und die ich im folgenden in einer noch zu ergänzenden Liste zusammenfasse:

1. Schweizer Tastaturen sind nicht in der Lage, grosse Umlaute zu schreiben. Ebensowenig findet der rechtschreibreformierte Deutsche ein „sz“
2. Switzerdytsch ist kein Dialekt, sondern eine Fremdsprache!
3. Willst Du Dich verständlich ausdrücken, gibt es eine Reihe von grundlegenden Regeln: rolle das „r“ – sprich das „ch“ grundsätzlich wie im Wort „lachen“ sehr kehlig aus, und verwende diesen Laut so oft es geht, auch wenn der entsprechende Satz gar keine „ch“ enthält – sage „drü tuhsig“, wenn Du „dreitausend“ meinst – nenne Geld niemals Moos oder Kohle, sondern „Stutz“ – bestelle „Panaché“ ohne das „é“ auszusprechen, wenn Du ein gepflegtes Alster trinken willst, oder eine „Stange“, falls Dir der Durst nach einem richtigen Bier steht – sag dem Kellner nie, das Essen sei „lecker“ gewesen, wenn Du nicht willst, das er Dich für stockschwul hält – verabschiede Dich von niemandem, mit dem Du noch nicht im Bett warst, indem Du „Tschüss“ sagst. Dies wäre eine grobe Beleidigung. Es heisst „auf Wiederluage“!
4. In der Schweiz ist grundsätzlich alles abgedreht teuer. Am einfachsten ist es, komplizierte Kopfumrechnungen und damit einhergehende Gewissenskonflikte zu vermeiden, und sich stattdessen an den vielen bunten Geldscheinen zu erfreuen, die man bündelweise dem freundlichen Kassierer überreichen darf.
5. Falls Du hier arbeiten solltest, sublimiere mit sofortiger Wirkung das allgegenwärtige „Mahlzeit“ durch den Ausdruck „en Guate“. Du wirst viele Freunde haben.

Rechtlicher Hinweis: Diese Aufzählung erhebt nicht den Anspruch, vollzählig oder objektiv zu sein. Übrigens: „Gruischa“ ist der rhätoromanische Begriff für „Graubünden“, dem Kanton, in dem ich jetzt arbeite & lebe.

Viele Grüsse von „Davos schön ist“, Till

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