Grischa News • Australian Issue • vom 11.05.2004

Sydney Skyline

Wollt Ihr eine kurze Zusammenfassung? Bitteschön: „No worries!“ Das scheint mir die Kernaussage Australiens zu sein. Sie stellt sowohl die Standardantwort auf jegliche Frage, als auch ein Abbild der allgemeinen Gemütslage der Australier dar. „I´d like to have a Cappuccino – No worries!“ „Can you tell me how to get to the Kingston? – No worries!“ „Hi, how are you? – No worries“ „I´m sorry, I accidently killed your cat! – No worries!“

Dass Australien weit mehr als eine an Indifferenz grenzende Lebensphilosophie zu bieten hat, kann sich jeder vorstellen. Der 5. Kontinent hat in etwa die geographische Größe der USA, jedoch eine um den Faktor 10 niedrigere Zahl von Einwohnern (und ja – auch hier wurden die Ureinwohner in Reservate gesteckt). Jeder, der schon mal fünf Stunden lang über Australien geflogen ist und dabei in transzendentaler Verfassung das immergleiche, steinig-rote Outback beobachtet hat, versteht, warum man früher oder später anfängt, in ein von Termiten ausgehöhltes Stück Baumstamm hineinzupusten und das Digeridoo zu nennen.
Die unendliche Weite, das trockene Klima und die Lage am A… – äh, andern Ende der Welt machen die Australier zu den wohl gastfreundlichsten Menschen auf dem Globus. Weltoffen und vom Gefühl beseelt, etwas abseits zu liegen, freuen sie sich auf jede Neuigkeit aus der großen, weiten Welt. Unvorstellbar für unsere Verhältnisse, dass man vom hochdekorierten Professor persönlich am Flughafen abgeholt wird, der sich mit Baseball-Käppi und Vornamen vorstellt und ein Barbeque sowie ein Gästezimmer in seinem Haus anbietet. Selbstverständlich hat hier jeder irgendwie europäische Vorfahren, natürlich hat jeder schon eine wochenlange Europarundreise absolviert, und so kommen wir schnell ins Gespräch – ungezwungen, ohne aufgesetzte Freundlichkeit, einfach im „No worries“-Style.

Als Südhemisphären-Neulinge waren wir natürlich am neugierigsten auf die hüpfenden Beuteltiere, die auf unverschämt großem Fuße leben. Welch eine Enttäuschung, dass die Jungs nicht nur strohdoof sind, sondern noch ausgesprochen faul. Normalerweise trifft man Kängurus auf dem Rücken liegend an, Beinchen in die Höh´, Beutelchen in die Sonne. Hüpfen scheint viel zu anstrengend zu sein, weshalb ein handelsübliches Känguru normalerweise geht. Das bedeutet, es stützt sich mit den Contergan-Ärmchen und dem imposanten Schwanz ab und zieht die Beine nach. Dabei schleift die Schnauze auf dem Boden, wie bei einem viel zu tiefgelegten Golf. Übrigens, tote Kängurus liegen meist auch recht faulig am Straßenrand herum. Das liegt daran, dass die Hüpfer keine natürlichen Feinde haben, außer Autos. Es ist ein wahres Vergnügen, in der Abenddämmerung über Kangaroo Island zu fahren. Mehr als Schritttempo wäre verheerend, denn die Kangaroos starten um diese Zeit die wildesten Partys, mitten auf der Straße. Ich meine, ich hätte einige gesehen, die einen Sixpack Victoria Bitter im Beutel hatten (Nein, man trinkt hier kein Foster´s!). Nur die kleinsten Kängurus, die Wallabies mussten schon ins Bett. Ich habe sie kurzerhand umbenannt: „When I grow up, I WANNABE a Kangaroo!“

Mehr als Schritttempo geht aber auf den Straßen von Kangaroo Island sowieso nicht, denn dort fährt man gewöhnlich auf dirt-roads. Der von ausrangierten schweizerischen Pistenraupen planierte Staub erhält dadurch ein kleines, feines Huckelprofil, das unsere Milch innerhalb weniger Kilometer zu Butter werden ließ. Vielleicht lässt sich Schafsmilch besser transportieren, immerhin wäre das ein Grund, warum hier 4.000 Einwohner auf 200.000 Schafe treffen (mal abgesehen von den Millionen Kangaroos, Wannabes, Schnabeltieren und Opossums). Die Insel vor der Südküste verwöhnt aber auch mit gigantischen Sandbuchten, wo man – wieder mal als Wildfremder – einfach so die Schnorchelausrüstung eines Camperpärchens geliehen bekommt (eine tolle Welt da unterm Meeresspiegel, aber auch ein Höllenlärm, sag ich Euch!), mit charmant-überteuerten Bed&Breakfast-Unterkünften, heruntergekommenen Leuchtturmwärterhäusern inklusiv Selbstverpflegung (wie sich herausstellte, mag meine Frau leider Kaffee mit Butter nicht so sehr), vom tosenden Meer geformten Höhlen und Steinbrücken (Admiral´s Arch), riesigen Sanddünen (Little Sahara), die zum Sandboarding einladen (und wir hatten die Wintersportsaison schon abgeschrieben!), man trifft dort Australier, die ein Leben lang in Karlsruhe (!) für Porsche (!) gearbeitet haben, andere, die frischen Eukalyptus zu Öl pressen (außerdem verkaufen sie dort Emu-Öl; was die wohl mit den armen Vögeln anstellen?) und man ist hinterher rundherum glücklich, endlich eine originale australische Großstadt wie Adelaide kennenzulernen.

Diese fünftgrößte ist die einzige Stadt in der ehemals britischen Kolonie, die nicht von Sträflingen angelegt wurde. So ist sie ausgesprochen – na, sagen wir gemütlich. Der breite Grüngürtel um die hochhausfreie Innenstadt lockt mit öffentlichen Golfplätzen (ich glaube, bei der relaxten Lebensweise schaffen es die Australier, gleichzeitig Golfspielen zu gehen UND noch Sex zu haben) und konkurriert mit dem 30km langen Sandstrand. Natürlich überbietet Melbourne dieses Provinznest mit kultureller Fülle, natürlich überbietet Sydney diesen Ort der Beschaulichkeit mit impulsivem Leben. Aber man fühlt sich wohl.
Übrigens: Wer wusste, dass Canberra die Hauptstadt Australiens ist? OK, kann man auch gleich wieder vergessen. Ein Tag der offenen Tür auf einem beliebigen deutschen Amt ist spannender. Und das alles nur, weil sich Mel und Syd nicht einigen konnten. Das interessanteste, was ich über Canberra sagen kann, ist, dass dieses zu 65% von Beamten bevölkerte Kaff der erste Bezirk Australiens war, der – nach einem Politikerskandal – die Prostitution wieder legalisierte.

Für uns lagen zwischen den genannten Metropolen 2600km auf der falschen Straßenseite. Sie führten uns dennoch sicher über die Great Ocean Road, die schönste Straße der Welt, vorbei an meinerseits noch zu verscherbelnden Postkartenmotiven, wie der salzwassergeformten „London Bridge“ und seltsamen Gesteinsformationen, wie den „Twelve Apostels“ (von denen offensichtlich einige inzwischen Atheisten sind und sich verpieselt haben – wir zählten jedenfalls weniger als 12). Überhaupt scheinen die australischen Namenspatrone an suboptimaler Kreativität zu laborieren. Neben der „großartigen Ozeanstrasse“ findet der weitgereiste Tourist solche Attraktionen wie den „90-Mile-Beach“, die „Remarkable Rocks“ oder auch den „Point with a View“. Achso! Und an jeder Ausfahrt eines jeden Parkplatzes eines jeden Aussichtspunktes der Hinweis, dass man in Australien doch bitte auf der linken Straßenseite fahren möge. Ein Australier antwortete auf meine Frage, wie denn das Wort für Geisterfahrer wäre: „European“!

Das ist das Stichwort! Ich wollte mich schon die ganze Zeit darüber auslassen, dass Australien eine lustige kulturelle Mixtur aus europäisch-britischen und amerikanischen Zutaten ist. Hier mal eine kleine Liste:

• Britisch:
• Linksverkehr
• Einfamilienhäuschen im viktorianischen Stil mit geschmiedetem Zierkram
• Gewürzsteriles Essen

• Amerikanisch:
• Kaffee an jeder Ecke
• Cinnamon-Donuts
• Rauchen in geschlossenen Gebäuden verboten

Es wird gerne behauptet, Australier würden ein unverständliches Kauderwelsch plappern. Mit diesem bodenlosen Vorurteil muss ich hier aufräumen. Die Schottin, mit der wir auf der Fähre nach Manly Beach zu kommunizieren versuchten, war viiiiieel schlechter zu verstehen! Überhaupt ist hier nur wenig anders als daheim. Fußball ist hier „Footy“, und wird mit Füßen UND Händen gespielt (komisch, dass die sich nicht ständig die Fresse eintreten. Vielleicht sind die Zahnärzte billiger), Bücher kosten mindestens dreimal soviel (müssen ja erst alle in australisches Englisch übersetzt werden ;-), statt Burger King verkauft „Hungry Jack“ die Pappbouletten, Maggi lässt man solange stehen, bis es streichfähig wird und etikettiert es dann als „Vegemite – der beliebte Brotaufstrich“ und Opel heißt jetzt Holden, sonst bleibt alles beim olden!
Uns blieb der Genuss einer Aussie-Schaukel vorenthalten, stattdessen mussten wir in einer weißen Mitsubishi-Möhre Platz nehmen. Da diese Farbe einen unverständlich hohen Marktanteil unter dem Kreuz des Südens besitzt, war es nicht leicht, unser Fahrzeug auf einem verlassenen Parkplatz wiederzufinden (Dafür war es umso leichter, abends bei einem guten Glas Shiraz aus Barossa Valley jenes Kreuz des Südens, Merkur, Venus, Mars, Saturn und Jupiter, unsere Milchstraße sowie noch ein paar entferntere Galaxien zu bewundern!).
Ich bezweifle zwar, dass dieser zusammengekloppte Blechhaufen wesendlich schneller gefahren wäre, habe auf der anderen Seite aber keinerlei Verständnis für die hysterische Geschwindigkeitsbegrenzerei auf den Freeways in Down-Under (Jaaaaa, steinigt mich, ich bin für freie Fahrt auf freien Straßen!). Auf penetranten Plakaten und in kryptischen Kinospots wird das Bewegen von Kraftfahrzeugen jenseits der 100km/h-Marke auf eine Weise kriminalisiert, die vollkommen ignoriert, dass die Zahl der Verkehrsunfälle vielleicht nur deshalb so hoch ist, weil man in diesem Schneckentempo unmöglich Hunderte von Kilometern auf einer absolut leeren, 3-spurigen Autobahn ohne spontane Schlafattacken abreißen kann. Vor allem, weil man währenddessen eher geringe Chancen hat, einen Radiosender zu finden, um sich von INXS, Midnight Oil oder Kylie Minogue landesgemäß die Ohren volldröhnen zu lassen. Steht ausnahmsweise ein Sendemast in der Umgebung, finden sich im Rundfunk so niedliche Sendungen wie „Let´s go Deutsch“, in denen stundenlang auf „dinglisch“ diskutiert wird, wie Australien 4 Jahre nach der Olympiade in Europa wahrgenommen wird. Ungelogen gab es sogar frische Nachrichten aus dem heimischen Alpenländle, vorgetragen in bestem Schwiitzerdüütsch!

Ich möchte mich von dem Eindruck distanzieren, Australien sei keinen Abstecher wert! Ihr solltet nur folgende Punkte beherzigen:
• Plant genug Zeit ein, denn es ist verdammt weit weg und verdammt groß!
• Kommt nicht auf die Idee, nach halb sechs abends shoppen gehen zu wollen (ich liebe liberale Ladenöffnunszeitengesetze)!
• Vermeidet es, am Karfreitag in Sydney zu sein (das ist neben Weihnachten der einzige Tag im Jahr, an dem alle Museen geschlossen sind)!
• Es macht süchtig (denn hier werden zur Zeit noch keine Geständnisse von amerikanischen Regierungs-Terroristen erpresst)!

Wieder zuhause grüße ich Euch von „Davos sich auch recht sorgenfrei leben lässt“, Till

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Privat am von .

Über Till Erdmenger – Businessfotos

Till Erdmenger ist seit 1996 als Profifotograf tätig. Sein Schwerpunkt liegt im Bereich Businessfotos – unter anderem für Kunden wie ISS Facility Services, Merck Serono, Kaufhof, Porsche, Volkswagen oder den Marburger Bund. Die Kompetenz von Till Erdmenger liegt in der Unternehmensfotografie, zu der neben professionellen Businessportraits vor allem Imagefotos für die Unternehmenskommunikation und die Dokumentation von Firmenveranstaltungen zählen. Till Erdmenger bietet seine Businessfotos neben kleinen und mittelständischen Unternehmen gezielt auch Kliniken, Ärzten und Zahnärzten an.

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