Grischa News vom 23.10.2004

Das war ja wieder ein Sommer für Aufreger! Von wegen schlangen-bemonstertes Sommerloch – diesmal ging´s so richtig zur Sache. Jede Arschback´ kauft bei Karstadt und jeder Popel fährt ´nen Opel, das galt in den „good old times“, als die diktaturgeknechteten Ostdeutschen die Montagsdemo erfanden, als Betten auf dem Kornfeld besungen wurden, „Harz“ noch ein beschauliches Mittelgebirge war, Kopfpauschalen auf flüchtige Schwerkriminelle ausgesetzt wurden, die Türkei noch für Döner statt für Beitrittspetitionen berühmt war, als man lieber Waffentechnik an Saddam als Atomtechnologie an den Iran lieferte und die „Bundesbirne“ schwarze Koffer in die Schweiz transferierte. Das gefiel den kantonalen Extravaganzlern natürlich deutlich besser, als die unverständliche Gier jener Ausländer, die den schweizer Pass begehren.

Nach den herben Rückschlägen des Frühsommers, als die hiesigen Beamten trotz Einsatz aller Fisimatenten unsere beiden Autos mit Graubündner Nummernschildern zulassen mussten (das GR steht Gerüchten zufolge jedoch für „Gebirgs-Rowdy“), zeigten sich die basisdemokratischen Volksabstimmler kurz später wieder von ihrer besten Seite. Mit deutlicher Mehrheit votierten die Schweizer für jenes verschreckende Wahlplakat, auf dem sich dunkelhäutige Hände aus einem Topf mit Schweizer Pässen bedienten, und somit gegen die Option, Ausländern in der dritten Generation die Staatsbürgerschaft zu gewähren! Aus der Perspektive dieser Angst vor Überfremdung, vor kulturellem Wandel (Wie kann Fortschritt stattfinden, wenn nicht durch Wandel?) ist es nur verständlich, dass die neugeborene Tochter einer Schweizerin nicht Schweizerin, sondern Österreicherin ist, weil der Vater (der mit der Mutter verheiratet ist und seit 40 Jahren in diesem Land lebt) kein Schweizer, sondern eben Österreicher ist. Hab ich mich verständlich ausgedrückt? Genau, ich hatte den gleichen Gesichtsausdruck wie Ihr jetzt, als ich das gehört habe.
Diese Debatte ist deshalb so wichtig, weil reinrassige Schweizer ein besonderes Gen aufweisen, das sie von Natur aus einzigartig machen. Wer hat´s erfunden? Die Schweizer! Die Mendelschen Vererbungsregeln mag jeder Sozialdarwinist selbst darauf anwenden. Ohne auf den Tisch zu kacken, von dem ich esse, und ohne Übertreibung muß hier noch völlig wertneutral ergänzt werden: Die weißbekreuzten Sportler konnten bei der Olympiade 5 Medaillen erringen, während ihre Kantonskollegen bei den Paralympics 16 Treppchenplätze abstaubten!

Wen diese Brisanz den Sommer über kalt ließ, der konnte sich an vereinzelten Sonnenstrahlen wärmen, die noch immer meine Wahlheimat verwöhnen. Und während der Wald den güldenen Striptease des Herbstes beginnt, blicke ich zurück auf die persönlichen BILD-Schlagzeilen des Sommers:
„Robin Hood jagt Willi Tell“, denn ich stattete dem Davoser Bogenschützen-Verein einen teilnehmenden Besuch ab.
„HB-Männchen geht in die Luft“, weil der Schnuppertag bei der lokalen Paragliding-Schule wegen zu starker Böen abgeblasen werden musste.
„Fotograf von Klassikfans gelyncht“, dabei wartete ich beim Davoser Musikfestival schon immer aufs „Fortissimo“, ehe ich die Fotos für die Lokalzeitung belichtete.
„Gipfeltreffen im Müngersdorfer Stadion“, als ich mal wieder den Bundeskanzler traf, diesmal bei der 125-Jahr-Feier vom Kaufhof.
„Dreirad legt Grenzverkehr lahm“, als wir versuchten, unser gemietetes Trike mit defekter Kupplung über den Splüggenpaß in die Schweiz zurückzumanövrieren.

Bevor – erneut – der Eindruck von Enttäuschung über dieses wunderschöne Alpenland entsteht, sei allen Zweiflern ein verregneter Oktoberbesuch in der Toscana empfohlen. Volterra und San Gimignano boten uns Gelegenheit zu exzessiver Zeitungslektüre und Pastagenuss. Wer bereit ist, „al dente“ als Fremdwort zu ignorieren, Industriehartgips wahlweise als Alabaster oder Brötchen zu titulieren, den Backofen als Heizung zu missbrauchen, 2,50 Euro für einen Liter Leitungswasser zu bezahlen und zwischen 11 und 17 Uhr jeglichem Konsumtrieb siestabedingt abzuschwören, der wird dort la dolce vita vorfinden! Mittelalterliche Wehranlagen und Wohntürme, erntereife Olivenhaine, hauchdünner Pizzateig, frische Feigen zum Frühstück und kräftiger vino da tavola vermögen es beinahe, uns Schwuchteln und alleinerziehende Mütter mit designierten EU-Reaktionären italienischer Abstammung zu versöhnen.

Ciao Ragazzi von „Davos die multikulturellen Kräuterbonbons gibt“, Till

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