Grischa News vom 29.04.2005

Die „Gutenaltenzeiten“ liegen noch gar nicht so lange zurück, wie uns das altersschwache Subjektivhirn klarmachen möchte. Dabei dürften wir das doch inzwischen schamlos denken, wie mein alter, inzwischen omnipräsenter Sozialpsychologie-Prof. Harald Weltzer medientauglich postuliert. Ja, natürlich erinnern wir uns an das Schöne und Gute! Ja, selbstverständlich vergessen wir die Schattenseiten! Und ja, es ist erst ein paar Wochen her, da ergingen sich die Europäer in Wintersportfreude und klirrender Kälte, da waren die Ackermann-Kapitalisten noch nicht entMÜNTIgt, waren noch harte Kerle mit Erdnüssen, die den Profit maximierten und Löhne einsparten, ja damals waren wir noch nicht Papst oder Gott! Nein, damals war Radikal Kartzinger noch mächtigster Mann im Vatikan, nun ist er ja leider nur noch Papst, Papa Ratzi – welch schöngeistige Analogie zu den teleobjektivbewaffneten Menschenanglern.
Bevor auch mich die systemimmanente Schönfärberei des Geistes einholt, sollen hier noch ein paar Worte zu etwas völlig anderem verloren werden. Schnitt. Wer kennt noch die 3. Welt? Ja, es gibt sie noch, Ihr Möchtegernvergesser! Und wir hatten, als noch vor ein paar Wochen „Ja, damals…“ war, Gelegenheit, auf die Philippinen zu reisen. Und das dauert ziemlich lang, denn man muß ja erstmal aus der EU-geschwängerten 1. Welt raus, dann im großen Bogen um die 2. Welt herum (genau: der Luftraum über diesen miesen Terroristenschlupflöchern ist noch immer gesperrt, wenn man keine lasergesteuerten Luft-Boden-Collateral-Raketen mitführt!), um dahin zu kommen.

In der schwülheißen 12-Millionen-Metropole Manila angekommen, wurden wir strechlimo-hoteltransfer-bedingt schon mal gleich auf die katastrophale Armut eingestimmt. Über 40% der Einwohner leben unterhalb der Armutsgrenze, sie sind so arm, dass sie sogar auf dem leitbeplankten Mittelstreifen der Schnellstraßen Papphütten bauen, den ganzen Tag für 2,- Euro arbeiten gehen und trotzdem glücklich sind. Mit Prof. Weltzers Einverständnis vergessen wir nun ganz schnell den Teil bis „…glücklich sind“! Lokale Geldautomaten sind so großzügig, dass sie uns mittelklassischen Ausländern für einen läppischen Euro gleich 70,- Pesos andrehen und uns damit in die „oberen Zehntausend“ befördern. Für diesen Betrag wird der geneigte Tourist in einer Shopping-Mall stundenlang von 5 Grundschülern bedient und ersteht am Schluß noch 2 Paar einzeln eingeschweißte Flip-Flops. Alternativ konnten wir uns für 2,50 Euro am „all-you-can-eat-Buffett“ austoben und erstklassige 1,80 Euro-Cocktails aus Einmachgläsern schlürfen. Es versteht sich von selbst, dass wir bei diesem fast schweizerischen Preisniveau sorgsam mit der Urlaubskasse umgehen mussten, und auf den Kauf von nachts an roten Ampeln von Minderjährigen feilgebotenen Muschelketten verzichteten. Ebensowenig erlaubten wir uns, den vom philippinischen McDreck angebotenen „Nach-Hause-Service“ zu testen, um anschließend die 12.000-Pesos-pro-Nacht-Suite im 1.-Class Asian Hospital zu okkupieren. Es treibt einem Unbedarften die Schamestränen der Dekadenz in die Augen, wenn man im airbusgroßem Geländewagen durch die Slums rollt und das pure Elend fotografiert, während die scheuklappenbewehrte Gastgeberin einen Herzinfarkt nach dem anderen in der Furcht erleidet, ihr Wagen könnte vom aufgebrachten Mob verkratzt werden (Sie war zuvor noch nie in einem solchen Viertel, und wird es den Rest ihres Lebens nicht wieder betreten). Glücklicherweise wird sie – ebenso wie wir – diese Gefühle bald dank selektiver Erinnerung verdrängen.
Viele andere Erinnerungen sind bereits im Orkus der Hirnwindungen heruntergespült, wie zum Beispiel:

• überfüllte, unlackierte Jeepneys (ehemalige Armeetransporter, jetzt Busse),
• nicht-einlösbare Travellers-Checks (für die man erst ein philippinisches Bankkonto eröffnen müsste),
• mit Milchpulver gepuderter Instant-Kaffee,
• allgegenwärtige Security-Leute (die potentielle Terroristen mit ihren permanent piepsenden Detektoren und dem Disneyland-Sheriffstern garantiert abschrecken),
• aufreizende Ladyboys (die ahnungslose Sextouristen an der Nase oder anderen Körperteilen herumführen),
• Kanu- und Pferdeführer (die über ein Trinkgeld in Höhe eines Wochenlohns noch die Nase rümpfen),
• sachdienliche Spenden us-amerikanischer Ärzte (die eine lokale Missions-Ambulanz mit Zwangsjacken und Penisprothesen beglücken),
• 2-spurige Straßen (die von fünf hupenden Fahrzeugen parallel nebeneinander benutzt werden),
• Klopapier, das echt für´n A…. ist,
• überall mit „Yes Mom, Sir…“ angequatscht zu werden (als wären alle Kaufwilligen Mütter und Edelmänner),
• Plastik-Rolex für 40,- Euro,
• Halo-Halo (die undefinierbare National-Nachspeise aus Früchten, Glibber, Kondensmilch und Wassereis)
• Kakerlaken im Handy-Format (ganz ohne die „Extraportion Milch“)
• obskure Angebote auf dem Markt (etwa „Adidas“ – Hühnerfüße, die frittiert als Delikatesse gelten)

Was mit Professors Segen bleibt, sind die Erinnerungen an wunderschöne weiße Strände, herrlichen Sonnenschein, Tage in der Hängematte mit Lektüre und Leckereien, luxuriöse Hotelsuiten, festliche Tafeln voll exotischer Köstlichkeiten, amüsant-anachronistische ehemalige Freundinnen von Imelda Marcos, Schnorcheln inmitten von Korallen und Clowns-Fischen, Bummeln und Handeln auf wahnsinnig bunten und überfüllten Märkten voller Nippes und Imitaten, Ausflüge zu filmhistorisch relevanten Wasserfällen (Apocalypse Now) und dem kleinsten aktiven Vulkan der Welt, sowie Lucky Strike für 0,60 Euro pro Packung.

Ich möchte abschließend dem frischgekürten Papst Benni aus der protestantischen Schweiz zurufen: Es gibt produktivere Beschäftigungen, als die Hände ineinander zu falten! Oder einen prominenten Baumarkt zitierend: „Es gibt immer was zu tun“! Mit Hans-Peter Uhl (Vorsitzender eines bekannten Untersuchungsausschusses) gesprochen: „Mir kommen die Tränen“! Und nun frisch ans Werk, bevor die blasse Erinnerung an Leid und Armut mit dem heiligen Stuhlgang heruntergespült wird. Denn: Niemand erwartet die spanische Inquisition!

Tschö mit „ö“ von „Davos proletariatbereinigtes Leben für sozialdemokratenverschreckte Firmenbosse und verknackte Ex-Innenminister gibt, Till

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