Grischa News vom 29.06.2005

Ja! Nein! Äh – Jein! In diesen entscheidungsschwangeren Tagen möchte man den deutschen Volksvertretern gerne mal mit leuchtendem schweizerischen Beispiel vorangehen. Nicht nur, dass es hier das Wort „Volksentscheid“ überhaupt gibt, es dient den einheimischen Mandatsträgern tatsächlich dem Transferieren jeglicher Verantwortung auf den möglicherweise desinformierten, nichts-desto-trotz aber stimmmündigen Eidgenossen. Erst vor kurzem wurde über die allgemeine Akzeptanz der Abkommen von Schengen und Dublin befunden. Die Mehrheit der Schweizer fand, es sei eine tolle Idee, an den Grenzen keine Ausweiskontrollen mehr durchzuführen. Da die Zollpflicht weiter bestehen bleibt, zeigt man in Zukunft also statt des Reisepasses die Schnapsflaschen vor. „Grüezi Herr Jack Daniels, ach Sie gsi hüüt mit Frau Chantré unterwegs, schönen Urlaub, adé…“

Schon in wenigen Wochen wird in einem ähnlichen Procedere ermittelt, ob die Toblerone-Lutscher die bereits mit der EU vereinbarte Personenfreizügigkeit auch auf solch exotische Länder wie Rumänien und Bulgarien ausdehnen werden, von deren Existenz die meisten scheinbar erst kürzlich erfahren haben. Mit anderen Worten: Darf die Schweiz darüber entscheiden, wer zur EU gehört, und wer nicht? Ist die berühmte Neutralität defloriert? Vielleicht wäre es unter diesen Umständen am besten, die Schweiz würde einfach der CDU beitreten; deren Geld hat sie ja schon. Sie könnte dann gemeinsam mit Frau Merkel den EU-Beitritt weiterer Länder torpedieren, sich dem nächsten antiterroristischen Kreuzzug der USA anschließen, die Mehrwertsteuer solange erhöhen, bis 85 Millionen Deutsche nur noch bei Migros einkaufen gehen und den katholischen Gottesstaat auf deutschem Boden errichten! Genau – in der Heimat von Zwingli und Calvin ist nämlich die Bevölkerung mehrheitlich katholisch! Millionen Arbeitslose könnten von diesen Gemeinschaftsprojekten profitieren: Ausbau der Alpen bis Cuxhafen! Rechtschreibreform durch Schwitzerdütsch substituieren! Nagelscherengetrimmte Wiesen! Umschulung zu Skilehrern! Löcher endlich auch in deutschem Käse! Schießpflicht für alle (auch quer über die Kantonsstraße)!

Fassen wir also die manifestierten Abstimmungstendenzen kurz zusammen:
• Schweiz: „joa, oabrr…“
• Frankreich: „non“
• Niederlande: „nee“
• Bundestag (Vertrauensfrage): von „…“ bis „bloß nicht“ (Hochrechnung vom 29.06.05, 20:05 Uhr)
• Bundestagswahl (vorgezogen): „nein“ (Prognose diverser Vertreter der Medienindustrie)

Frage jetzt bitte keiner, welche Rückschlüsse ich als Ex-Student der Sozialpsychologie und Politikwissenschaften daraus ziehe, klar scheint mir aber, dass wir es hier mit einer beängstigenden Masse von Opportunisten zu tun haben, die sich gerne auf die Seite der vermeintlichen Sieger schlagen und somit für erschreckende Ergebnisse sorgen.
Unklar ist mir bisher auch, wohin ich dann noch auswandern könnte. Vielleicht ins stoiberbefreite Bayern, ins rabattbegünstigte England, oder nach Afghanistan, das diversen russischen Angriffen (durch besorgte Sowjets), Tempelschändungen (durch sorglose Taliban), amerikanischen Bombardierungen (durch besonders besorgte Heimatschutz-Präsidenten) und dem UN-Protektorat (durch zu recht besorgte Blauhelme) zum trotz immer noch der weltgrößte Opiumlieferant ist. Anständig zugedröhnt entzöge es sich meinem Interesse, wem diese Tatsache eigentlich nützt.
Soll ich´s wirklich machen, oder lass´ ich´s lieber sein? Jein, denn ich gebe mich der Hoffnung hin, dass sich diese Gedanken als kirschwasserinduzierter Sommernachtstraum demaskieren, bevor Philostratos verkündet, die heutigen Grischa News seien „ein Stück, ein dutzend Worte lang, aber auch ein dutzend Worte zu lang“.

Ratlose Grüße von „Davos so schön basisdemokratisch zugeht“, Till

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