Grischa News vom 21.10.2005

“Du bist Bundeskanzler” – das wäre wohl augenblicklich Angela Merkels Lieblingsmotiv aus der “Du bist Deutschland”-Kampagne, und hätte mich der 18. September nicht temporär meiner Worte beraubt, hätte ich schon früher davon erzählt. Dabei hatte ich in düsterer Vorahnung nicht nur bereits vor fast 3 Jahren Landesflucht begangen, sondern den Wahlabend im 5-Sterne-Zimmer eines sardinischen Hotels verbracht, das sich vor allem dadurch auszeichnete, daß einem tuntige Kellner nachstellten statt Vino tinto zu bringen, das Zimmer auch auf Nachfrage nicht gemacht wurde und Mozzarella e Pomodoro komplett geschmackfrei ohne Salz, Öl oder Basilikum serviert wurden. Das alles half jedoch nicht. Vielleicht hätte ich stattdessen einen Job in Jamaika annehmen sollen? Angie, rastagelockt und marihuanabedröhnt, hätte noch einen gewissen Coolness-Faktor gehabt! Nun bekommt das proletarische Wahlvolk, daß keine klaren Mehrheiten wählte und doch eine klare Aussage machte, in feister populistischer Manier eine Hauruck-Wachrüttel-Mitmach-Patriotismus-Kampagne, damit wir alle merken, wer Schuld ist an der Misere.

Das sollten mal die Schweizer versuchen, ich prophezeie einen Kantonskrieg! “Du bist Schweiz”! Na super, dann bin ich also auch Eiger-Nordwand, Toblerone und Wilhelm Tell? Wohin würde es führen, wenn sich die hier nur als Putzfrauen geduldeten “Yugos” oder die nur unwesendlich bessergestellten Deutschen damit identifizierten? Oder noch schlimmer: infizierten? Glücklicherweise genießt die Schweiz nicht nur politische Immunität, sondern verfügt offensichtlich auch in pandemiologischer Hinsicht über besondere Schutzmechanismen. Anders kann ich mir nicht erklären, warum hier auch zukünfig das glückliche Federvieh unter freiem Himmel herumlaufen soll. Ist unbemerkt der schweizerische Luftraum für Zugvögel geschlossen worden? Oder werden die ortsansässigen Hühner mit Tamiflu beigefüttert? Wie auch immer sich diese Geschichte entwickelt, der Besitzer der Schweiz, Roche, wird davon profitieren und möglicherweise komplett auf E-Bay als Vertriebskanal umsatteln, wo inzwischen schon der fünffache Apotheken-Preis für das Präparat gezahlt wird.
Zeitgleich werden Schlachtabfälle, die des Kannibalismus-Vorwurfs wegen dem heimischen Vieh nicht mehr dargereicht werden, nach Deutschland exportiert und dort verwurstet. “Du bist Hans Wurst”! Ja, die Schweiz ist schon ein ganz besonderes Land!

“Du bist aktive Sterbehilfe” könnte ein weiteres einheimisches Plakat lauten. Denn anders als im kontrovers diskutierenden Deutschland ist hier das Verabreichen lethaler Medikante an Todkranke legal. Nach eingehenden Vor-Ort-Recherchen kann ich berichten, daß dies nicht in obsessivem Massensuizid endet. Interessierte Ausländer können jedoch bei einem Verein, dem es dem Namen nach um “Würde” geht, ein One-Way-Ticket in eine helvetische Klinik lösen. Glanzlichter des Liberalismus blenden mich.

Auch in Sachen Pressefreiheit läuft die Schweiz Deutschland eindeutig den Rang ab. In den Charts von “Reporter ohne Grenzen” steht meine Wahlheimat auf Platz 1, während sich Deutschland gemeinsam mit solchen Vorbildern wie Trinidad und Tobago auf Platz 11 lümmelt. Gerechterweise muss ich ergänzen, daß die Tester weder die “Davoser Zeitung” kennen, noch zum Zeitpunkt des Votierens Kenntnis von der “Cicero-Affäre” hatten. Beide Platzierungen sind also im kommenden Jahr aller Wahrscheinlichkeit nach nicht zu halten. Hätte die Staatsanwaltschaft statt bei Bruno Schirra in der Davoser Lokalredaktion vorbeigeschaut, wäre sie wohl mit leeren Händen nach Hause gegangen. Man kann festhalten: Es ist zwar Druckfarbe drauf, aber trotzdem steht nix drin. Ganz anders als bei dem zum Leidwesen der Behörden gar nicht eingeschüchterten Journalisten des Magazins “Cicero”. Aber das wußte ja schon der “echte” Cicero vor mehr als 2000 Jahren: Es geht mit der Bildung bergab…

Vor kurzem hat es mein Lieblings-Alpenland geschafft, sich auf einem weiteren international beachteten Gebiet zu etablieren: eidgenössische Ämter warnten vor – durch abtauende Gletscher und überlaufende Stauseen ausgelösten – Tsunamis! Naturkatastrophen sind ja momentan en-vogue, so würde es mich nicht wundern, wenn sich bald der erste Hurricane über dem Vierwaldstätter See zusammenbraut. Meterhohe Flutwellen würden die touristenfreundlichen Gestade Luzerns zertrümmern, alpine Wirbelstürme die Blechhütten der darbenden Bevölkerung Zürichs hinwegfegen, Genf würde auf den Mont Blanc evakuiert werden, die Regierung internationale Hilfe mit stolzgeschwellter Brust ablehnen, das Militär jagt Fondue-Plünderer, die dünne Kruste der Zivilisation zerbröselt, der VW Bora heißt plötzlich wieder Jetta, Twix aber dennoch nicht Raider, G.W. Bush erklärt den “Krieg gegen die Naturgewalten” und jagt die ominösen Drahtzieher Katrina und Wilma, A. Merkel wird Bundeskanzlerin und ich bleibe in der Schweiz, um der Dinge zu harren, die da kommen werden.
Meine Aufenthaltsbewilligung sichert mir einen Platz im dorfnahen Atombunker.
Dieser ist allen empfindlichen Nasen derzeit anzuraten, denn der buntlaubige, mittagswarme und tiefstehsonnige Herbst bietet bedingt durch endzeitfanatisches, hirnlos druckbetankendes Exzessiv-Düngen nur einen äußerst eingeschränkten olphaktorischen Fun-Faktor. Schade.

“Du bist Grüße aus Davos”, Till

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Über Till Erdmenger – Businessfotos

Till Erdmenger ist seit 1996 als Profifotograf tätig. Sein Schwerpunkt liegt im Bereich Businessfotos – unter anderem für Kunden wie ISS Facility Services, Merck Serono, Kaufhof, Porsche, Volkswagen oder den Marburger Bund. Die Kompetenz von Till Erdmenger liegt in der Unternehmensfotografie, zu der neben professionellen Businessportraits vor allem Imagefotos für die Unternehmenskommunikation und die Dokumentation von Firmenveranstaltungen zählen. Till Erdmenger bietet seine Businessfotos neben kleinen und mittelständischen Unternehmen gezielt auch Kliniken, Ärzten und Zahnärzten an.

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