Grischa News vom 14.02.2006

Liebe Leser, bevor an dieser Stelle ein weiteres Pamphlet meinen verschrobenen Hirnwindungen entfließt, möchte ich mich in Anbetracht der zunehmenden Gefährdungen, derer sich EU-konforme Satire ausgesetzt sieht, für eure Treue und Standhaftigkeit bedanken. Einige von euch werden diese Zeilen möglicherweise mit der Taschenlampe unter einer Bettdecke lesen, um potenziellen Anfeindungen zu entgehen, während auf mich eine ungewisse Zukunft wartet. Täglich rechne ich damit, daß meine Wohnung von vermummten Schweizeristen gestürmt und durch Molotow-Cocktails in Brand gesetzt, das stolze Niedersachsenross fahnentechnisch eingeäschert wird oder ich in Abschiebehaft (pardon, “Uuusschaffigs-Haft”) gesetzt werde. Das alles, weil ich meinem verbrieften Recht auf freie Meinungsäußerung nachkomme. In diesem Zusammenhang nehme ich an, daß Harry Whittington das seinige überstrapaziert hatte, als er durch einen Schrotkugelhagel aus der Mündung Dick Cheneys getroffen wurde. Der US-amerikanische Vizepräsident hat ja bereits einen exquisiten Ruf als Kollateralschädiger, nun kann er eine weitere Kerbe am Griff anbringen. Worüber die Kameraden bei der Wachteljagd diskutierten, werden wir wohl nie erfahren, wohl aber, daß der Vice President wirklich alle Reserven in den Militärhaushalt pumpt und sich deswegen nicht mehr die 7 Dollar teure Legitimationsmarke für seinen Jagdausweis leisten konnte, ergo illegal schoss. Ooops!

Daß aber auch in meiner temporär-gewählten Heimat zu anachronistisch-derben Maßnahmen gegriffen werden könnte, bestätigt sich, wenn Einheimische vom aktuellen Jahr als „Zwo-Null-Sechs“ sprechen. Aus früheren Berichten ging bereits hervor, daß ich teilweise den Eindruck habe, die Schweizer seien ein verschlafenes und der Zeit hinterherhinkendes Völkchen. Unter Berücksichtigung der gerade genannten Erkenntnisse können wir diesen „time-gap“ auf ziemlich genau 1.800 Jahre beziffern. Da muß man sich als zivilisierter Mitteleuropäer natürlich ein wenig nachsichtig zeigen.
Ich werte dementsprechend die Euphorie, mit der Sätze wie „Ich geb Dir ein Telefon“ (= „Ich ruf Dich dann an“) hervorgebracht werden, wie auch die verständnislose Entrüstung auf meine Standardantwort „Danke, ich hab schon eins“ im Bewußtsein, einer weiterentwickelten Spezies anzugehören.

Nachdem ihr die vergangenen „Grischa News“ aufmerksam studiert habt, kann ich einen rudimentären schwitzerdütschen Wortschatz voraussetzen, und möchte an dieser Stelle eine Denksportaufgabe einbringen. Es geht um das Dechiffrieren des folgenden Satzes, gehört im schweizer Radiosender DRS3 (der bei mir früher oder später einen auto-protektionistischen Ohrenkrebs auslösen wird, da bin ich mir sicher): „Das Sechsleben der schweizer Bärli liegt nicht zum besten“. Meine erste Assoziation war, daß sich die Berner Wappentierchen in ihrer Rasselbande von 6 Bären nicht einigen können, wer von ihnen für die Touristen posiert. Oh, wie harmlos und unverdorben waren doch meine heuchlerischen Gedanken! Gemeint war natürlich der darniederliegende Fortpflanzungsdrang hiesiger Päärchen, um den sich die Sorgen ranken. Meine Diagnose lautet: Frostige Minusgrade (von wegen mal eben ins Heu), 42+ Stundenwoche, nur 4% Arbeitslose und Kuhscheiße unter den Fingernägeln können nur abtörnend wirken. (Liebe Leser, ihr merkt, ich strebe mit diesen Äußerungen keine soziologische Habilitation sondern pure Provokation an!).

Vor kurzer Zeit hatte sich gespenstischer Hochnebel über die Schweiz gesenkt, und zwar entgegen seiner Bezeichnung so tief, daß er über dem Unterland hing und dort für explodierende Feinstaubwerte sorgte. Um das vierfache überschrittene Grenzwerte alarmierten die Behörden, die in diesem Fall formaljuristisch nicht weiterkamen. Dem Feinstaub kann man nicht einfach die Arbeitsbewilligung entziehen, ihn umzingeln und uuusschaffigen oder ihm per Volksbefragung das Existenzrecht absprechen. Also wurde landesweit eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 80km/h auf Autobahnen eingeführt. Wer nun behauptet, du, diese geringfügige Herabsetzung (von normalerweise maximal erlaubten 120km/h) wäre doch wirklich ganzheitlich betrachtet gut einzusehen & ein toller persönlicher Beitrag zum nachhaltigen Umweltschutz, dem möchte ich als Jedes-Wochenende-Schweiz-Durchquerer (und jemand, der was auf seinen tollkühnen Ruf als Satiriker hält) erwidern: Es kostet locker mal ne Stunde meiner wertvollen Zeit, in solchem Schneckentempo rumzukriechen. Zu allem Überfluß stößt mein bescheidenes, nicht-diesel-getriebenes Fahrzeug zwar weniger, dafür aber länger Schadstoffe aus, die von einem durch Langeweile in die Höhe getriebenen Zigarettenkonsum noch flankiert werden. Ich mutmaße, daß die inzwischen seit 100 Jahren durch die liebliche Alpenwelt gurkenden Postbusse einen nicht unerheblichen Teil zu dem Dilemma beitragen. Aber gut, daß wir drüber gesprochen haben!

Bevor ich mich abschießend wieder tagesaktuellen Widrigkeiten zuwende, möchte ich auf eine interessante Parallele zur deutschen Gesellschaft eingehen. So, wie der gemeine Bundesbürger freistaatlich-bajuvarische Eigenheiten jenseits des Weißwurschtäquators ortet, verläuft auch im Jura (dem Gebirge bzw. Kanton) entlang der deutsch-französischen Sprachgrenze eine verkappte Demarkationslinie durch die eidgenössische Gemeinschaft, die sich beispielsweise in widersprüchlichen Volksabstimmungsergebnissen manifestiert. Im hiesigen Sprachgebrauch nennt man das den „Rösti-Graben“!
Ganz andere Abgründe taten sich auf, als in der letzten Woche eine neuseeländische Fabrikbesitzerin anbot, gegen die Hungersnot kenianischer Kinder tonnenweise Hundefutter nach Afrika zu liefern. Sarkastische Kommentare verbieten sich in dieser Angelegenheit.
Ganz anders in Bezug auf die in Mode gekommenen einstürzenden Flachdächer: Hier liegt die Vermutung nahe, islamistische Terrortruppen würden in ihren jüngsten Anschlägen eine in Vergessenheit geratene NDW-Band zitieren und neuerdings auf subtil-subversive Art gegen die westliche Konsumwelt vorrücken. (Ihr kennt doch noch die „Einstürzenden Neubauten“?) Die waffenfähige Schneeanreicherung dürfte jedenfalls schwerlich durch die IAEO zu kontrollieren sein.

In Antizipierung des weltweiten Karikaturenstreits wird auch diese Ausgabe der “Grischa News”, wie schon die vorangegangenen, trotz stellenweise blumiger Sprachgerüste ohne bildliche Darstellungen auskommen. Warum aber aktuell wieder der “Kampf der Kulturen” im Sinne Samuel P. Huntingtons heraufbeschworen wird, finde ich unverständlich. Wer in der trüben Brühe von Zeichnungen, die gläubige Muslime in Verbindung mit Sodomie bringen, mordlustigen Extremisten oder brennenden Botschaften wühlt, wird wohl kaum auf so etwas wie “Kultur” stoßen.

Trotzdem viele Grüße von “Davos glücklicherweise nicht so viele freie Radikale gibt”, Till

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Schweiz am von .

Über Till Erdmenger – Businessfotos

Till Erdmenger ist seit 1996 als Profifotograf tätig. Sein Schwerpunkt liegt im Bereich Businessfotos – unter anderem für Kunden wie ISS Facility Services, Merck Serono, Kaufhof, Porsche, Volkswagen oder den Marburger Bund. Die Kompetenz von Till Erdmenger liegt in der Unternehmensfotografie, zu der neben professionellen Businessportraits vor allem Imagefotos für die Unternehmenskommunikation und die Dokumentation von Firmenveranstaltungen zählen. Till Erdmenger bietet seine Businessfotos neben kleinen und mittelständischen Unternehmen gezielt auch Kliniken, Ärzten und Zahnärzten an.

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