Grischa News vom 02.05.2006

In einem kürzlich durchgeführten Gedankenexperiment kam ich zu der Überzeugung, ich hätte mich als gebürtiger Schweizer zur Marine gemeldet, anstatt Zivildienst zu leisten. Am liebsten wäre ich U-Boot-Kapitän geworden. Ahoi! Leider gibt es keine schweizer Marine, wahrscheinlich, weil der Bodensee zu klein für ein ausgewachsenes Kriegsschiff wäre. Zu meiner Überraschung gibt es aber sehr wohl eine Luftwaffe, obwohl die Schweiz ja eigentlich auch zu klein für Kampfjets ist. Ein Pilot der schweizerischen Miliz muss nach schätzungsweise 2 Minuten Geradeausflug schon wieder wenden, um nicht den eidgenössischen Luftraum zu verlassen. Luft-zu-Luft-Betankung kann man hier jedenfalls nicht üben.

Normalerweise sind solche kämpferischen Themen ja nicht die meinen, aber wir leben schließlich in aggressiven Zeiten, da muß man sich anpassen. Allen Lesern, die in einem akuten Anfall von Dejavue das Säbelrasseln zwischen Georgi Bush, UN und Iran verfolgen, sei Stanley Kubricks „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ als visuelle Pflichtlektüre anzuraten. Hatte ich das nicht bereits grade erwähnt? Die alles entscheidende Frage ist, ob wir explodierende Benzinpreise akzeptieren, weil ein paar Maulhelden Sprüche klopfen. Oder ob wir explodierende Benzinpreise akzeptieren, weil wir ein weltweites Embargo gegen iranisches Öl verhängen. Spätestens, wenn Georgi´s Söldner Teheran bombardieren, wird es auf absehbare Zeit sowieso kein schwarzes Gold von dort mehr geben. Ob dort tatsächlich an der „Weltuntergangsmaschine“ gebaut wird, wie General Jack D. Ripper glaubt, möge man im Anschluß an den Film beurteilen. Nach Popcorn ist mir jedenfalls nicht zumute.

Ein weiterer Grund, sich an dieser Stelle über militante Themen zu echauffieren, ist der grade knapp überlebte 1. Mai. Obwohl Graubünden bekanntermaßen zu jenen Kantonen gehört, wo am „Tag der Arbeit“ tatsächlich gearbeitet wird, hörte ich zu meiner Genugtuung, dass die feiernden Kollegen in Zürich – ganz im Kreuzberger Stil – ordentliche Straßenschlachten zustande brachten, während derer sogar eine Ansprache des Bundespräsidenten Leuenberger eiwurfbedingt abgebrochen wurde. Hätte er doch einfach seinen freien Tag genossen. Ich muß allerdings einräumen, dass nicht nur die nach außen sichtbaren Begebenheiten des „Tags der Arbeit“ mit jenen in Deutschland korrelieren, sondern auch die transzendenten Motive hierfür ähnlich sind. So betrug im vergangenen Jahr die durchschnittliche Arbeitszeit eines in der Schweiz angestellten Vollzeitarbeiters 41 Stunden und 58 Minuten pro Woche. Die entsprechende Arbeitsleistung in Deutschland liegt bei 40,3 Stunden. Die Reallöhne der Durchschnittsverdiener sanken in beiden Ländern in den letzten Jahren, während einige fragwürdige Persönlichkeiten exorbitante Einkommenszuwächse verbuchen konnten. Es ist keine Seltenheit, dass exponierte Positionen mit gut 20 Millionen Schweizerfranken im Jahr dotiert werden. Ob diese Zahlungen im Sinne einer gewinnmaximierten Führung eines Wirtschaftsunternehmens zu sehen sind, halte ich hingegen für zweifelhaft.
Auch in Sachen Integration ergeben sich interessante Entsprechungen: Das Bundesamt für Migration erklärte unlängst, trotz des europaweit einmalig hohen Ausländeranteils von 22% seien die Migranten gut in die schweizer Gesellschaft integriert (Anmerkung des Autors: die nächtens ausgewiesene Nachbarsfamilie Kolic durfte im übrigen vor kurzem nach Wiesen zurückkehren. Zum Leidwesen der schweizer Behörden war über Winter in der unbeheizten kroatischen Baracke keines der Familienmitglieder erfroren. Siehe Grischa News vom 25.1.2006). Lediglich in Schule, Berufsbildung und Arbeitsmarkt seien Verbesserungen nötig. Da drängt sich die Frage auf, von welchen Bereichen des integrierten sozialen Zusammenlebens das BfM spricht, wenn es doch auf diesen essenziellen Sektoren hapert: vom Häkelkränzchen, Skifahren oder gemeinsamen Fondueessen? Die Erwerbslosenquote liegt bei Ausländern dreimal höher als bei Schweizern, ein hoher Anteil ausländischer Jugendlicher besucht die Sonderschule und erhält keine qualifizierte Berufsausbildung. Die Rütli-Implosion lässt grüßen! Ob daran die Schuluniformen einer Basler Sekundarschule etwas ändern können, bleibt offen (Es ist übrigens unklar, ob zum Einheitslook der Schüler auch Swatch-Uhren gehören).

In einem ganz anderen Bereich verhält sich die Schweiz allerdings vorbildlich. Während in den USA die Regierung „not amused“ ist, weil mexikanische Immigranten eine spanischsprachige Latino-Version der Nationalhymne komponiert haben, und Herr Ströbele geteert und gefedert wird, weil er eine türkischsprachige Version von „Einigkeit und Recht und Freiheit“ fordert, gibt es die schweizerische Nationalhymne gleich in 4 Sprachen. „Trittst im Morgenrot daher,
Seh‘ ich dich im Strahlenmeer,
Dich, du Hocherhabener, Herrlicher!
Wenn der Alpen Firn sich rötet,
Betet, freie Schweizer, betet.
Eure fromme Seele ahnt,
Gott im hehren Vaterland!
Gott, den Herrn, im hehren Vaterland!“ lässt sich auf deutsch, italienisch, französisch und rätoromanisch intonieren. Zu diesem multikulturellen Zustand kam es 1961, als es die Regierung in Bern leid war, das althergebrachte „Heil dir Helvetia“ auf die gleiche Melodie zu singen wie „God save the Queen“.

Im Übrigen stammt weder die Melodie der eidgenössischen Hymne, noch die berühmte Schokoladentorte von Paul Sacher, der dieser Tage 100 Jahre alt geworden wäre. Für das eine zeichnet Albert Zwyssig, für das andere Franz Sacher von der k.&k. Hofbäckerei verantwortlich. Der 1999 verstorbene Paul hingegen war ein bedeutender schweizer Dirigent und Mäzen, der das La-Roche-Vermögen seiner Frau einsetzte, um Klassiker wie Bela Bartok oder Igor Strawinsky zu fördern.
Als „Le sacre du printemps“ kann man die ehemalige Skirennfahrerin Corinne Rey-Bellet allerdings nicht bezeichnen, die vorgestern im Wallis erschossen wurde. Zum einen war sie früher auf nur 2 Brettern bergab unterwegs, anstatt über die Bretter, die die Welt bedeuten, zu tanzen. Zum anderen wurde sie nicht nach alten heidnischen Ritualen den Göttern zugunsten reicher Ernte geopfert, sondern wahrscheinlich von ihrem flüchtigen Ehemann ermordet. Und letztlich haben wir ja schon Frühling.

Zum guten Schluss, nach guter Tradition, noch einige militant-wichtige Hinweise für jene, die sich in dieses Land verirren, das Dürrenmatt so beschreibt: „ Da liegst du nun, ein Land, lächerlich, mit zwei, drei Schritten zu durchmessen, mitten in diesem unglückseligen Kontinent“. Der Urlaubsverkäufer TUI heißt hier „Imholz“, billige Treter gibt´s bei „Dosenbach“ statt bei Deichmann und ein Handy heißt „Natel“. So heißt der Mobiltelefonvertrag der Swisscom. Das wäre etwa so, als würden wir unser kleines Telefönchen „TellyActive“ nennen. Dann doch lieber wie die Italiener: „Telefonino“. Und als krönendes Zeichen der Desintegration werte ich, dass meine schweizer Kollegen schon anfangen, den Universalgruß proletarisch-deutscher Provenienz – „Mahlzeit“ – zu erwidern.

Viele Grüße von „Davos keine restlichtverstärkten Periskopblicke auf die Realität gibt“, Till

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Über Till Erdmenger – Businessfotos

Till Erdmenger ist seit 1996 als Profifotograf tätig. Sein Schwerpunkt liegt im Bereich Businessfotos – unter anderem für Kunden wie ISS Facility Services, Merck Serono, Kaufhof, Porsche, Volkswagen oder den Marburger Bund. Die Kompetenz von Till Erdmenger liegt in der Unternehmensfotografie, zu der neben professionellen Businessportraits vor allem Imagefotos für die Unternehmenskommunikation und die Dokumentation von Firmenveranstaltungen zählen. Till Erdmenger bietet seine Businessfotos neben kleinen und mittelständischen Unternehmen gezielt auch Kliniken, Ärzten und Zahnärzten an.

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