Grischa News vom 22.05.2006

Mit der heutigen Ausgabe betrete ich Neuland und möchte die folgenden Absätze meinem neuen Freund Markus Söder, seines Zeichens Generalsekretär der CSU, widmen. Der Gerechtigkeit halber erwähne ich auch dessen Schwester-im-Geist Erika Steinbach, CDU-Abgeordnete und Präsidentin des Bundes der Vertriebenen. Die beiden haben sich dieses Renommee mit einer leider nicht nachhaltig genug in den Medien vertretenen Meldung verdient, der zufolge sie ein „Reinheitsgebot der deutschen Sprache“ etablieren möchten. Sogar per Gesetz soll die Arisierung der Alltagssprache vorangetrieben werden.

Bis zu 30% der deutschen Bevölkerung würden durch ausufernden Gebrauch von Anglizismen diskriminiert, weil sie des Englischen nicht mächtig sind. Das wäre natürlich in der Tat nicht besonders kühl für diese Leute. Andererseits beherrschen meiner nichtrepräsentativen Umfrage zufolge mindestens ebenso viele Einwohner der Bundesrepublik auch ohne Fremdwortmissbrauch kein vernünftiges Deutsch inklusive einiger rudimentärer Deklinationen oder Konjunktionen. Welch ein Dilemma, dessen sich die beiden wackeren Unionisten da angenommen haben. Insgeheim vermute ich, sie waren erst kürzlich zu einem geheimen Techtelmechtel in den eidgenössischen Bergen, wo sie ob der hiesigen Umgangssprache derart erschraken, dass sich einige Hirnwindungen verhedderten. Nachzuvollziehen ist das für alle Unbedarften an folgendem (nachgestellten) Verkaufsgespräch im Dorflädeli:

Ich: „Moin-moin!“
Verkäuferin: „Guate Morrrgett“
Ich: „Haben Sie noch frische Brötchen?“
Verkäuferin: “Momant, i gån rrrasch go go luage…“

Verkäuferin: “S´hätt no a Gipfeli“
Ich: „OK, dann nehm ich das Croissant“

Ich: „Danke, Tschöö!“
Verkäuferin: „Dankenen Ihnen viiilmål, auf Wiederluage!“

Versteht ihr jetzt, was ich meine? Ich bekenne mich dazu, nach allen Maßstäben der deutschen Integrationskunst als nicht-integrierbarer, subversiver Parallelgesellschaftenbefürworter und Migrationsversager zu gelten. Zum Glück musste ich nicht die schweizerische Nationalhymne singen und sämtliche Kantone mit ihren Hauptstädten aufzählen, um hier an die Aufenthaltsbewilligung Typ „B“ zu gelangen!
Interessanterweise gilt die Verwendung deutscher Wörter im englischsprachigen Raum, insbesondere in Amerika, als elitärer Ausweis des „Bildungsburgers“ (genau dieses Wort wird dafür gerne herangezogen). Mit viel „Fingerspitzengefuhl“ werden „Strudel“ und „Pretzeln“ bebacken oder über „Sturm und Drang“ und das „Leitmotif“ philosophiert: „The Zeitgeist is right now!“ (New York Times). Weil das alles die Deutschen aber fundamental anders sehen, weil „Wörter mit Migrationshintergrund“ – vulgo: Fremdworte – sogar gesetzlich verboten werden sollen, sind in den USA Aufklärungsbücher mit Titeln wie „Deutschland for Dummies“ der letzte Renner. Darin wird beispielsweise erklärt, Deutsche würden sich selten wie Deutsche kleiden. Soll heißen, sie trügen nur sehr unregelmäßig Lederhosen.
Doch ich schweife ab: Hiermit fordere ich die Ausweitung des sprachdeutschen Reinheitsgebots auf das Territorium der Schweiz, allein schon aus Gründen der mangelhaften Aussprachskompetenz: den Reisebus nennt man hier „Car“, was noch einfach ist, aber der „Goali“ (Torwart) hält beim „Iiishockay-Matsch“ den „Pöck“ (Puck), das Turnier heißt „Cöp“ und Zigarren sind von „Dönnhill“. Huaaahhhh!

Da ich der Langeweile vorbeugen und diese „News“ nicht zu romanhafter Länge ausbauen möchte, im Folgenden einige Neuigkeiten im Schnelldurchlauf:

– Der Mörder der Skifahrerin Rey-Bellet („Rä-Bälläh“) richtete sich später selbst.
– Ein Bürgervotum verpflichtet die Kantone auf eine Vereinheitlichung der Schulgesetze (Eintrittsalter, Dauer und Ziele der Bildung, gegenseitige Anerkennung der Abschlüsse).
– Zwei Türken wurden in St. Gallen wegen drohendem „Ehrenmord“ prophylaktisch ausgewiesen.
– 50 schweizerische Polizisten werden zur WM nach Deutschland abkommandiert (und können somit die Sicherheit von Gästen anderer Hautfarbe gewährleisten, über die sich gewisse Minister in letzter Zeit Sorgen machen)

Die drohende Fußball-Meisterschaft ist mir allerdings noch ein paar Zeilen wert. Auch dies ein Beispiel schamhafter Kurzlebigkeit mancher Schlagzeilen. Das Fußballfieber geht offensichtlich einher mit erhöhtem Interesse an käuflicher Liebe. Wie zu lesen war, werden zu diesem Zweck nicht nur haufenweise osteuropäische Prostituierte vorübergehend nach Deutschland migriert, es sollen, um dem großen Drängen gerecht zu werden, auch Container-Puffs an strategisch günstigen Positionen errichtet werden, z.B. auf den Parkplätzen von Baumärkten. Schon richtig, „Es gibt immer was zu tun“! Angeboten wird dann „Alles für Macher“, denn „Hier spricht der Preis“. „Oooobi ist das schön“!

Euphorie ganz anderer Herkunft packte mich, als ich vor einigen Tagen die erstaunlich schöne Adria-Metropole Ljubljana besuchte. Die Hauptstadt Sloweniens ist eine uneingeschränkte Reiseempfehlung wert. Die prächtige Altstadt ist dicht gepflastert mit Straßencafés, Butiken, Parks und lebensfrohem Trubel. Das 2-Millionen-Einwohner-Land verleiht dem reisenden Schweizer fast schon imperialistische Großmachtgefühle, endlich kann er das McDonald´s-Menü für ein Drittel des hiesigen Preises verschlingen, endlich bekommt er wohlschmeckenden Wein zum Essen. Die beiden Völker teilen ihre Liebe zum Automobil, haben die Alpen in Sichtweite, bezahlen (noch) in kuriosen Währungen und verfügen über eine eigenartige Sprache. Wer sich schon an „Ljubljana“ die Zunge bricht, dr sllt rstml shn, w vl Knsnntn d Slwnn hn nn nzgn Vkl nnndrzrhn n dr Lg snd!*

Da die „Grischa News“ nach wie vor deutsch-schweizerische Wirrungen zum Thema haben, kratze ich zum Schluss noch schnell die Kurve und komme auf eine neue Option der Einreise zu sprechen. Vor wenigen Wochen wurde die neue Brücke bei Rheinfelden eröffnet, die eine Umfahrung von Basel ermöglicht. Dieses Projekt stand kurz vor dem Scheitern, weil es von zwei Ingenieurteams hüben und drüben geplant wurde, die sich bei ihren Berechnungen jeweils auf „Normalnull“, also die Meereshöhe bezogen. Ungünstigerweise ziehen deutsche Bauingenieure dazu das Niveau der Nordsee heran, während Schweizer auf das Mittelmeer vertrauen, was summa-summarum eine Abweichung von einigen Zentimetern zur Folge hat. In einem beispiellosen Akt der Völkerverständigung konnte diese Hürde glücklicherweise ausgeräumt werden, während der zügigen Grenzüberschreitung leider die Zwangsversetzung aller besonders fleißiger Zöllner-Neulinge an jenen Übergang nach wie vor im Wege steht.

Damit schließe ich für heute mit der Aufforderung, jeden gefundenen Anglizismus auszuschneiden und einzurahmen (er könnte einer aussterbenden Art angehören) und grüße von „Davos sich hoffentlich noch BND-unbespitzelt schreiben lässt“, Till

*Auflösung: Wer sich schon an „Ljubljana“ die Zunge bricht, der sollte erstmal sehen, wie viele Konsonanten die Slowenen ohne einen einzigen Vokal aneinanderzureihen in der Lage sind.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Schweiz am von .

Über Till Erdmenger – Businessfotos

Till Erdmenger ist seit 1996 als Profifotograf tätig. Sein Schwerpunkt liegt im Bereich Businessfotos – unter anderem für Kunden wie ISS Facility Services, Merck Serono, Kaufhof, Porsche, Volkswagen oder den Marburger Bund. Die Kompetenz von Till Erdmenger liegt in der Unternehmensfotografie, zu der neben professionellen Businessportraits vor allem Imagefotos für die Unternehmenskommunikation und die Dokumentation von Firmenveranstaltungen zählen. Till Erdmenger bietet seine Businessfotos neben kleinen und mittelständischen Unternehmen gezielt auch Kliniken, Ärzten und Zahnärzten an.

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