Grischa News vom 17.01.2007

Während uns der Frühling – pardon, Winter – in seinen unbarmherzigen Klauen gefangen hält, eisige Temperaturen um den Gefrierpunkt die Kosten für Gas und Heizöl in schwindelerregende Höhen treiben, während sich Parkplätze in meterdick-bepackte Eislaufbahnen verwandeln und die furchterregende Emulsion der ersten Fliegen auf der Windschutzscheibe das Auto fahren gefährden, während sich mittlerweile gut dreiviertel des schweizerischen Militärs rund um Davos eingegraben hat & Stacheldrahtzäune aufstellt, um die diesjährige WEF-Prominenz zu schützen, ja – während dies alles um mich herum geschieht, fällt mir auf, wie lange ich schon keine News aus Graubünden mehr verfasst habe.

In der Zwischenzeit haben sich einige Punkte auf meiner „Zu-Erwähnen-Liste“ angesammelt, die schon längst wieder out und vergessen sind. Irgendwas mit Fußball steht da, aber die Schweiz wurde nicht Weltmeister, weshalb das getrost gestrichen werden kann. In Berlin brachen sich Möchtegern-Ronaldos an Zementfußbällen die Haxen, aber es heißt ja auch immer wieder, man möge die Kunst nicht mit Füßen treten. Auch Bruno, der Bär, findet sich auf meiner Liste, doch bekanntlich wurde er zum „Problembär“ ernannt und standesgemäß erschossen. Ich kann mich erinnern, dass später auch einige – vorzugsweise bajuwarische – Politiker zu „Problembären“ erklärt, jedoch nicht erschossen wurden. Eine besonders schöne deutsch-schweizerische Anekdote behandelte im vergangenen Sommer die Krankmeldung eines hessischen Lehrers, 54jährig, der aufgrund seines Burn-out-Syndroms schon seit mehreren Jahren nicht mehr seinem Beruf nachgehen konnte. Erstaunlicherweise hinderte ihn seine Erkrankung nicht daran, in der schweizerischen Hauptstadt Bern eine Vollzeitstelle anzunehmen – als Lehrer! Erst eine anonyme Anzeige machte das Treiben des Doppelverdieners publik, wurde jedoch vom zuständigen Gericht abgeschmettert.
Eine weitere Episode behandelt die einstürzenden Neubauten Alpen, die leider nur sehr mühselig wieder originalgetreu aufgebaut werden können. Blöd vor allem, wenn dabei dann Urlauber geplättet werden.

Platt war ich auch, als ich kürzlich las, in Großbritannien seien mehr als 4 Millionen Überwachungskameras an öffentlichen Orten installiert. Im Durchschnitt würde man täglich bis zu 100 mal gefilmt werden. Ich vermute allerdings, die Hysterie in den Medien wird zu diesem Thema absichtlich gehypet, weil es sich in Wirklichkeit um den weltgrößten Casting-Event für „England sucht den Superstar“ handelt. Außerdem hat das ganze ja gar nicht wirklich mit der Schweiz zu tun, kommen wir also nun zu etwas völlig anderem…

In jüngster Zeit scheint es wieder in Mode gekommen zu sein, Leute am Galgen aufzuknüpfen. Ist das eventuell noch anderen aufgefallen? Nicht so sehr die Tatsache, dass diese Tötungsmaßnahme unter staatlicher Obhut ausgeführt wird – was ich zutiefst ablehne – , auch nicht die erschreckende Feststellung, dass sogar Abu Ghraib nach Londoner Vorbild videoüberwacht wird, Saddams letzte klägliche Momente fast simultan über das Internet flimmern – worüber man sich zurecht aufregt – , sondern die genussvolle Berichterstattung über die richtige Technik beim Erhängen beeindruckte mich in den vergangenen Tagen. Man konnte den Eindruck erlangen, hier werde über kegeln oder staubsaugen debattiert: Fehler bei Saddams Hinrichtung – die Fallhöhe war zu gering, Fehler bei der Hinrichtung seines Bruders – der Kopf riss ab, Fehler beim Ex-Richter, ja Fehler sogar schon bei den Nürnberger Prozessen – der Tod dauerte 15 Minuten, dabei soll der Gehängte gar nicht ersticken, sondern das Genick soll brechen. Ich schlage vor, so langsam im Internet eine Diskussionsplattform für die Henker dieser Welt einzurichten, mit den Rubriken „Die peinlichsten Fehler beim Hängen“ oder „Mein erstes mal“. Und später heißt es dann live auf Al-Jazeera „Irak sucht den Super…“ – äh, das hatten wir ja schon.

Bevor mir die ausgezehrten Leser aus Enttäuschung die Bude einrennen, schwenke ich thematisch jetzt schnell in die Schweiz, wo, wie eingangs erwähnt, frühlingshafte Temperaturen für Unmut unter Touristen und Sportveranstaltern sorgen. Schließlich sind nicht nur skibewaffnete Pistenhäschen zu befriedigen, sondern auch wichtige Meisterschaften auf ein bzw. zwei gewachsten Brettern durchzuführen. Und da, muß man neidlos anerkennen, lässt sich die Schweiz nicht lumpen. Wenn schon die globalerwärmten Gletscher wegtauen, der natürliche Schneebefall die 50cm nicht überschreitet und der Einsatz von Schneekanonen dazu führt, dass auch dieses Jahr wieder nachts der Strom abgedreht wird, greifen die Eidgenossen halt zu wirksameren Maßnahmen: Kunstdünger! Natürlich gibt´s auch hierzulande noch keinen, der den Schnee wirklich wachsen lässt, aber durch den Einsatz von Ammoniumnitrat wird der Gefrierpunkt des bereits liegenden Schnees heraufgesetzt, sodaß er nicht so schnell unter den Kufen wegtaut. Wenn das mal nicht kreative Lösungen sind.

Eine Nachricht viel größerer Tragweite erschütterte Ende letzter Woche das helvetische Eiland des Detailhandelsfriedens: Migros kauft Denner! Dem Unwissenden sei erklärt, dass Migros der größte schweizer Lebensmittelhändler ist, der nebenbei auch Banken, Tankstellen und Einrichtungshäuser betreibt. Zu Denner, dem drittgrößten Discounter, fällt mir spontan der unzutreffende Stabreim „nur ein Penner kauft beim Denner“ ein. Aber solche Vergleiche hatten wir ja schon mit Raudis und einem Fahrzeug aus Ingolstadt. Unzutreffend deswegen, weil Denner eine Oase des Genusses ist. Hier findet der geneigte Käufer die größte und beste Auswahl internationaler Spitzenweine, zudem ein erstklassiges und dabei preiswertes Sortiment bekannter Havannas. Der Connoiseur im Manne denkt nun unweigerlich daran, den Vorratskeller zu befüllen, falls das familienfreundliche und daher alkohol- und tabakfreie Credo der Migros-Mutter übernommen werden sollte.

Zum guten Schluß möchte ich mich an dieser Stelle mal bei Peter Schneider bedanken, was eigentlich längst überfällig ist. Herr Schneider begrüßt mich seit 4 Jahren fast täglich auf dem Weg zur Arbeit mit den Worten „Hallo, liebe Hörer-innen und außen“. Mit solchen Bemerkungen eröffnet der Psychoanalytiker und Autor seine Radio-Kolumne auf DRS-Drüüü und zaubert gleichzeitig das erste Lächeln des Tages auf mein Gesicht. Der Mann ist nicht nur zu beneiden (Dozent in Bremen und Zürich, eigene Praxis, Autor für Funk & Zeitung), sondern auch immer gut für einen bissigen Kommentar und hat einen eigenen Podcast sowie einen Wikipedia-Eintrag! WOW! Sowas hat noch lange nicht jeder, ich müsste eigentlich gleich mal nachsehen… naja, lassen wir das.

Damit verabschiede ich mich, auch im Namen von Väterchen Frost, der in diesem Jahr nur seinen warmen Bruder geschickt hat, von „Davos langsam Zeit wird, die Iglus abzubrechen“, Till

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Über Till Erdmenger – Businessfotos

Till Erdmenger ist seit 1996 als Profifotograf tätig. Sein Schwerpunkt liegt im Bereich Businessfotos – unter anderem für Kunden wie ISS Facility Services, Merck Serono, Kaufhof, Porsche, Volkswagen oder den Marburger Bund. Die Kompetenz von Till Erdmenger liegt in der Unternehmensfotografie, zu der neben professionellen Businessportraits vor allem Imagefotos für die Unternehmenskommunikation und die Dokumentation von Firmenveranstaltungen zählen. Till Erdmenger bietet seine Businessfotos neben kleinen und mittelständischen Unternehmen gezielt auch Kliniken, Ärzten und Zahnärzten an.

3 Gedanken zu „Grischa News vom 17.01.2007

  1. Till Erdmenger Autor

    Floyd schrieb mir: „Es ist bekannt, daß Wasser bei Unterdruck früher siedet (auf dem Mt. Everest bei ca +70°C). Nicht so bekannt dagegen ist, daß Wasser auch bei einer höheren Temperatur als 0°C gefrieren kann. Dies kann man gut am Phasendiagramm für Wasser ablesen. Die gesuchte Temperatur liegt nach dem Diagramm auf

    http://portal.uni-freiburg.de/fkchemie/lehre/uebungen/stunde6/pdwasser/view

    zwischen dem normalen Gefrierpunkt und dem Tripelpunkt von Wasser, demnach also bei ca 0,005 °C (je nach Berghöhe)

    Vielen Dank für den wertvollen Hinweis! Man sollte dem schweizer Bundesrat vorschlagen, die Pisten einige Meter höher zu legen, statt Kunstdünger zu verwenden 😉 Oder Tibet als 27. Kanton anzuerkennen.

    Antwort

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