Messe-Nachwehen

Es war meine erste CeBIT – nach Jahren im Davoser „Exil“, das abgesehen vom World Economic Forum nicht grade durch Messe-Highlights besticht. Dennoch wollte sich die angespannte Aufgeregtheit früherer Jahre nicht einstellen: Zu schnell wird heute über neue Hardware und neue Programme aus der Welt der Computer im Internet informiert, die Geräte sind um uns herum omnipräsent; das Staunen, das Glück, ein neues Gerät einmal in echt zu sehen – das gibt es nicht mehr. Unsere Realität ist inzwischen vollkommen virtualisiert worden.

Am deutlichsten wird das in den Hallen der Spielehersteller. Ich bin mit einem guten Freund unterwegs, wir wollen nur die Halle durchqueren. Aber zu viele dickliche, schlecht-frisierte Teenager verstellen den Weg. Sie hampeln und machen sich zum Affen, um den werbebedruckten Schaumstoffball einer Spieleentwicklerfirma zu bekommen. Hier lerne ich, dass es „professionelle Gamer“ gibt – Kinder, deren Job es ist, in aller Öffentlichkeit am Computer zu spielen. Der grosse Knaller des vergangenen Jahres sei Nintendos Wee: „Die Firmen wirken dem Vorwurf entgegen, man würde sich beim computerspielen zu wenig bewegen“. Genau – mit dem feinen Unterschied, das es die Interpretation eines gewinnorientierten Unternehmens ist, das gerne verschweigt, dass man Fussball, Tennis oder Golf genausogut auch „live“ spielen kann, draussen, in der Realität. Dazu braucht man keine Plasmabildschirme oder Spielekonsole, ein Ball und ein Bolzplatz reichen. Man wird schmutzig, schürft sich die Knie auf, springt dem Ball in den Fluss hinterher, rauft mit dem älteren Nachbarsjungen, atmet Frischluft, sieht Tageslicht und vielleicht wird man auch etwas glücklicher, als vor dem Pixel-Abbild. Wo doch die Messe in diesem Jahr mit dem Motto „green IT“ trumpfen wollte. Also werden Netzteile dynamisch abgeschaltet, oder Notebook-Bauteile verwendet, die wenig Energie brauchen. Schön, dass man mal auf diese Idee kommt, wo so langsam jeder weiss, dass Energie immer teurer wird und jeder Kühlschrank eine PIN hat. Die Presse war eher wenig begeistert von den halbherzigen Vorschlägen. Wenig begeistert war ich auch vom Bereich des ADF, der für Fotofreunde ebenfalls halbherziges bot: Keine Neuheiten, wenig Aussteller, kleine Warenkunde hinter Vitrinenglas, die obligatorische Bühnen-Foto-Show, „Gesichter der CeBIT“ riesenhaft ausgeplottet, was talentfrei portraitiert worden war, niedliche kleine, digitale Bilderrähmchen zu antiproportionalen Preisen: Zum Glück kommt dieses Jahr noch die Photokina!

Was bleibt also in Erinnerung? Der Grosseinsatz der Polizei, bei dem dutzenden fernöstlicher Mimikry-Firmen ihre Präsentationsware konfisziert wurde? Oder die Tatsache, dass man sich dieses Jahr besonders dümmlich anstellen musste, um nicht mindestens 10 Freikarten geschenkt zu bekommen? Nun, es bleibt das Gefühl eines Pflichtbesuchs, wie sonntags nachmittags zu Oma Else zu fahren: Man möchte das in Zukunft lieber virtuell erledigen!

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