Ausstellung: Making History – Die Macht der Bilder

In Mediengesellschaften entsteht Realität offenbar erst durch Bilder: Gesellschaftliche Ereignisse scheinen nur dann stattzufinden, wenn sie medial präsent sind. Gerade jüngere Generationen definieren sich selbst heute in starkem Maße über (ihre) Abbildungen: imago ergo sum. Nicht nur gesellschaftlich und politisch bedeutende, sondern auch private, nebensächliche oder unterdrückte Ereignisse werden heute zu öffentlichen Realitäten, wenn sich Bilder davon durch mediale Schneeballeffekte in Social-Media-Netzwerken verbreiten: So kann ein marginales Unterhaltungsereignis plötzlich weltweite Aufmerksamkeit erlangen und Handyfotos von Demonstranten können die politische Zukunft ganzer Länder wenden. Wer Bilder herstellt, ist Konstrukteur der Realität.

Kriegsfotografie als Beitrag zur Kriegsentscheidung.

Treffende Beispiele dafür liefert insbesondere die Kriegsfotografie. Da es Bilder waren, die in den 1960er-Jahren den Vietnamkrieg entschieden hatten, wurden sie in den frühen 1990er-Jahren im zweiten Golfkrieg möglichst vermieden. Wie aber soll künftig eine Steuerung von Bildproduktionen gewährleistet werden, wenn bald jeder Kugelschreiber Bilder aufnehmen und verzögerungsfrei an die halbe Welt verschicken kann, wenn also ein permanentes Abbilden und Versenden der eigenen Umgebung und Wirklichkeit allgegenwärtig geworden ist? Da die Produktion und der Konsum von Bildern und Informationen entfesselt ist, geht es hinsichtlich der Macht um Bilder schon heute stärker um Authentifizierungskämpfe und um Desinformationen als beispielsweise um Zensur.

Skepsis gegenüber Wirklichkeit und deren Abbild.

Bereits Ende der 1980er-Jahre befürchteten zahlreiche Medientheoretiker für die Zukunft einen »optischen Atheismus« (Paul Virilio) und begannen, Film / Video und Fotografie als eine Art subjektive Malerei zu durchdenken. Auch die breite Öffentlichkeit weiß, dass Bildern nicht nur kaum, sondern tatsächlich gar nicht zu trauen ist, dennoch funktionieren sie noch immer als Beweise – sogar im juristischen Sinne. Auch skurrilste militärische Bilder werden geglaubt – als seien niemals zuvor Erfahrungen mit Kriegspropaganda gemacht worden. Seltsamerweise tritt also hinsichtlich der Unzuverlässigkeit von Bildern kein Gewöhnungseffekt ein. Es herrscht offenkundig ein visueller Antagonismus: Einerseits gilt es als selbstverständlich, die Realitätsnähe von Bildern in Frage zu stellen, andererseits wird der Medienöffentlichkeit und ihren Abbildern unumwunden geglaubt. Welche Folgen hat dies für eine Geschichtsschreibung, die sich an Bildern orientiert?

Welche Art von (Bild-)Gedächtnis und kulturellem Erbe erwächst daraus?

Grenzenlose Reproduktion und Dokumentation und ihre Instrumentalisierung im digitalen Zeitalter.
Die Medienöffentlichkeit ist heute grenzenlos, weil sie kein Zentrum mehr hat und spätestens mit dem fast allgegenwärtigen Zugang zum Internet Kontrollmonopole weitgehend gefallen sind. Zugleich ist die mediatisierte Öffentlichkeit aber auch enorm steuerbar geworden, weil mit bestimmten Bildstreuungen gezielt Realitäten geschaffen werden können. Eindrucksvoll belegt dies jenes berühmte Bild, das den US-Präsidenten Barack Obama und seinen Sicherheitsstab bei der Beobachtung der Tötung Osama bin Ladens zeigt (2011). Das Ereignis der Ermordung des meistgesuchten Terroristen scheint nur durch die davon indirekt hergestellte Fotografie aus dem Situation Room des Weißen Hauses zu existieren. Sie dient als kalkulierter Nachweis einer militärischen Aktion, während Bilder aus Pakistan der Weltöffentlichkeit vorenthalten blieben. Die Realität der paramilitärischen Schlusspunktsetzung wurde medienstrategisch geformt: Die vermeintliche Siegermacht hat sich als Protagonist das Recht des letzten Bildes vorbehalten und dem Gegner die mediale Opferrolle verweigert.

Künstlerische Produktion als kritische Reflexion von Geschichte und Geschichtsmodellen.
MAKING HISTORY setzt die künstlerische Reflexion von öffentlichen Bildern ins Zentrum. Sie zeigt Positionen, welche die Visualisierung von Realität durch Medienbilder thematisieren, sei es, indem sie Formen der Inszenierung und der dokufiktionalen Erzählung entwerfen oder sich auf die visuellen Ränder gesellschaftlicher Ereignisse konzentrieren. Die Künstler in der Ausstellung bieten keine eigenen Geschichtsmodelle an, stattdessen sind in ihren Arbeiten unterschiedliche Sichtweisen auf historische Ereignisse zu erkennen, die als erweiterte Darstellungsformen von Geschichte sowie als subjektive Historienbilder verstanden werden können und eigenständige Vorstellungen über die Entstehung von Historie vermitteln. MAKING HISTORY beschränkt sich dabei nicht strikt auf das Medium Fotografie, sondern bezieht auch die Medien Video und Film mit ein.

Früher war es allein das Historiengemälde, das als Dokument des Zeitgeschehens galt. In idealistisch überhöhter Form beschäftigte es sich mit geschichtlich bedeutsamen Tatsachen. Anders als die Geschichtsschreibung war Historienmalerei dabei weniger um Sachlichkeit oder Objektivität bemüht, sondern tendenziell propagandistisch intendiert: Fast immer stand sie im Dienste einer politischen Aussage, einer Heroisierung oder Verurteilung historischer Ereignisse. Sie realisierte das von adligen oder klerikalen Herrschern in Auftrag gegebene Erzählmonopol und sicherte so identitätsstiftende Vermächtnisse von Nation, Staat und Religion. Zumeist mit Erfolg, denn freie Massenmedien oder andere Bild- Öffentlichkeiten gab es noch kaum. Anfang des 19. Jahrhunderts waren Historiengemälde von Schlachten, Triumphzügen, Revolutionen und politischen Ereignissen der am häufigsten vertretene Bildtypus und standen an der Spitze der

akademischen Gattungshierarchie. Ihre Popularität gipfelte in der Modeerscheinung des Historismus, der die Geschichte zunehmend als Fundgrube nutzte. Erst der später folgende Realismus begann die Historienmalerei zu verdrängen, bis sie schließlich zum Ende des 19. Jahrhunderts durch Fotografie und Film fast vollständig abgelöst wurde. Seitdem scheint der Kunst das Historienbild durch die Neuen Medien entzogen zu sein.

Die Ausstellung zeigt ein weites Spektrum künstlerischer Auseinandersetzungen mit öffentlichen Bildern. Der rote Faden ist die Befragung der Möglichkeits- bedingungen von medialen, mithin historischen Bildern. Viele Künstler gehen von bekannten Medienbildern gesellschaftlicher Ereignisse aus und kalkulieren dabei gezielt mit jenem Stempel, den diese im kollektiven Gedächtnis hinterlassen haben. Sie zitieren solche Bilder, rekurrieren auf das Wissen von bildjournalistisch vermittelten Ereignissen oder verfolgen Strategien des Reenactments. Andere Künstler thematisieren die Eigenarten von Medienbildern durch Sezierung oder Neukomposition und arbeiten an deren Entschleunigung. Anders als in der Presse- und Reportagefotografie konzentrieren sie sich auf bereits vorhandene oder vermeintlich gewusste Abbilder von gesellschaftlichen Ereignissen. MAKING HISTORY rückt damit die künstlerische Reflexionen jener gesellschaftlichen Bilder in den Mittelpunkt, die Geschichte hergestellt haben, herstellen oder in Zukunft herstellen werden.

(Pressemitteilung, weitere Infos unter: http://ray2012.de/)

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Über Till Erdmenger – Businessfotos

Till Erdmenger ist seit 1996 als Profifotograf tätig. Sein Schwerpunkt liegt im Bereich Businessfotos – unter anderem für Kunden wie ISS Facility Services, Merck Serono, Kaufhof, Porsche, Volkswagen oder den Marburger Bund. Die Kompetenz von Till Erdmenger liegt in der Unternehmensfotografie, zu der neben professionellen Businessportraits vor allem Imagefotos für die Unternehmenskommunikation und die Dokumentation von Firmenveranstaltungen zählen. Till Erdmenger bietet seine Businessfotos neben kleinen und mittelständischen Unternehmen gezielt auch Kliniken, Ärzten und Zahnärzten an.

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