Warum uns Wissen am Arsch vorbei geht – und es uns nicht mal kümmert

Es ist ja leicht – wenn auch selten hilfreich – über den Zustand der Gesellschaft in unseren Zeiten zu lamentieren. Die Abläufe haben sich beschleunigt und sind fast zwangsläufig oberflächlich geworden. Ich kenne das auch. Statt jedoch einen Wimpernschlag lang innezuhalten und darüber nachzudenken, ob diese Entwicklung möglicherweise zu bedauern sei, manifestieren wir nur allzugern jene Wandlung zu einem vermeintlich gewünschten und selbstverständlichen Präsens.

In einem wichtigen Artikel auf politico.com wirft Tom Nichols die These in den Ring, wir hätten durch das jahrzehntelange Schleifenlassen der Bildung eine Generation von Menschen herangezüchtet, die selbstbewusst verkünden, sie brauchten keine Experten mehr – und dabei Impfungen infrage stellten, die Erde als Scheibe betrachteten und Mathe als Unterrichtsfach tilgen wollten, weil es „zu schwierig“ sei. Diese Menschen seien der Meinung, Experten – die sie insgeheim nicht trennscharf von der politischen Elite unterscheiden können – hätten ihnen nichts zu bieten. Sie fänden jede von ihnen gesuchte Antwort im Internet. Sie glaubten an die einfachen Lösungen, die Populisten ihnen böten. Einfach, weil das alle ohne Mühe zu erreichen ist.

Warum mir das nicht so ganz am Arsch vorbei geht und ich das alles hier erwähne? Weil das Negieren von Expertise längst im Berufsalltag angekommen ist. Bei Fotografen erst recht – denn da braucht es bekanntlich heute keinen Experten mehr. Kann ja jeder, mit dem Smartphone, für umme. Wenn doch nicht, gibts ne App. Mir sträuben sich die Haare, wenn ich beispielsweise in Fotografie-Foren lese: „Ich fotografiere seit letzter Woche und jetzt will ich mal einen Film selbst entwickeln. Habt Ihr da Tipps für mich?“ Na klar, mit dem richtigen Tipp wird derjenige im Null-Komma-Nix zum Laboranten und entwickelt fortan seine Filme präzise selbst. Zeit, Muße, Mühe, Anstrengung – all das braucht doch keiner! Dünnbrettbohren nennt man das üblicherweise. Es ist nicht allein der fehlende Respekt gegenüber Experten, die selbstherrliche Beweihräucherung des eigenen Nicht-Wissens führt im beruflichen auch zum Verschwinden der (monetären) Wertschätzung gegenüber der Leistung von Spezialisten. Nö, nicht gut! Nehmen Sie sich die paar Minuten Zeit und lesen Sie den verlinkten Artikel!

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