Kalibrieren, Profilieren, Color-Graden: Für wen eigentlich?

Vielleicht gehöre ich gedanklich langsam zum alten Eisen, wenn ich behaupte: Natürlich sollten meine Fotos auf einem kalibrierten Monitor bearbeitet und optimiert werden und – wenn gewollt – eine bestmögliche Farbechtheit aufweisen. Authentisch. Natürlich ist die nicht immer gefragt, selbstverständlich darf ich im Rahmen künstlerischer Freiheit Farben und Kontraste meiner Fotos ändern und – logisch – ist mir bewußt, dass die wenigsten meiner Kunden über kalibrierte Monitore meine Bilder betrachten werden. Aber – was der Kollege Lazarov da neulich in seinem Artikel über die Bildbearbeitung für nicht-kalibrierte Monitore nahelegt, faltet mir die Fußnägel. Zugespitzt gesagt, rät der bulgarische Fotograf dazu, Bildchen für iPhone- und Bürobildschirme zu optimieren, jenseits von jeglicher Verbindlichkeit. Hm. Dem möchte ich widersprechen. Wir Profis legen seit Ewigkeiten höchsten Wert auf präzise, natürliche Farben in unseren Aufnahmen. Wir wissen, dass viele Bekleidungsstücke optische Aufheller enthalten, welche Filme oder Filter wir für die optimale Farbwiedergabe benutzen müssen, was ein IT8-Target oder eine Farbtafel ist, wir können etwas mit den Kelvin-Werten für die Farbtemperatur anfangen und wissen, mit welchen Geräten wir einen Monitor profilieren können oder welcher Hersteller hardwarekalibrierbare Bildschirme anbietet (und was die kosten). Das alles gehört – meiner Meinung nach – zur handwerklichen Grundausrüstung eines Profifotografen, auch wenn er keine Katalogfotos produziert. Damit ist noch keine Aussage über die künstlerische Freiheit der Verfremdung von Farben oder Kontrasten getroffen. Das Color-Grading, die bewußte Einflussnahme auf die Farbstimmung, vielleicht auch mittels cineastischer Effekte wie dem Split-Toning, bei dem die Lichter wärmer und die Schatten kühler gefärbt werden, ist vollkommen legitim und zeitgemäß. Aber möchte ich meinem Kunden erklären, ich hätte seine Businessproduktion für die Betrachtung auf meinem iPhone optimiert? Hat er was davon, wenn er sein „NightShift“ eingeschaltet hat oder merkwürdigerweise ein Samsung-Gerät benutzt? Worauf ich damit hinaus will: Es gibt unzählige Möglichkeiten, Fotos auf suboptimalen Geräten darzustellen, dass ich nicht wüßte, für welches dieser unzähligen Geräte ich mein Foto nun optimieren sollte? Wäre es da nicht einfacher, als gemeinsamen Nenner einen kalibrierten Monitor mit D65 heranzuziehen und zu erklären, das Foto sei auf diese Norm hin bearbeitet worden?

Ich hänge der Neugierde wegen mal eine Frage an Kunden und Kollegen an: Wie ist Ihre Erfahrung damit? Haben Sie sich schon mal über komische Farben gewundert, die die Fotos Ihres Profifotografen hatten? Wurden Fotos nachträglich von Kunden bearbeitet, damit sie „besser“ aussehen? Gab es schon Überraschungen mit Bildern, die dann doch gedruckt wurden? Ich bin gespannt – auch auf mögliche Lösungsvorschläge zu diesem Dilemma 😉

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