Archiv der Kategorie: Politik

Shabby Chic

In der ZEIT vom 4. Mai fand sich ein bemerkenswerter Artikel mit dem Titel „Abgewetzt und schön verschrammt“, in dem es um die Beobachtung geht, dass echte Antiquitäten einen rasanten Preisverfall erleben, während es gleichzeitig zum bohemian Lifestyle zählt, sich im „shabby Chic“ einzurichten. Diese neue Art des Historismus, der hier als Kontemporismus bezeichnet wird, zeichne sich vor allem durch den Drang nach unvorbelasteter, geschichtsloser Selbstbestimmtheit aus.

In dieser durchaus philosophischen Betrachtung unserer Epoche finde ich einige Details, die mir aus der Fotowelt bekannt vorkommen. Authentizität, Liebe zum Detail, das (auch in zeitlicher Hinsicht) Schwelgen in handwerklicher Raffinesse – all das, was man vereinfacht mit der „guten alten Zeit“ verbindet, findet sich heute eben nicht mehr. Es zählt nichts mehr, weil es zu aufwändig, zu zeitintensiv, zu aufmerksamkeitsfordernd, zu mühevoll und zu teuer ist. Es würde bedeuten, Geduld zu haben. Geduld, Kompetenz und Zeitautonomie – das scheint unzeitgemäß geworden zu sein und deshalb verkaufen sich die „ready-made“ Möbel genauso gut wie Instagram-Filter. Mich wundert das überhaupt nicht, denn wir führen ein derart digitalisiertes Leben, das optimiert, gestreamlined und clean ist, dass es gradezu notwendig erscheint, hier und da ein wenig abgeblätterte Farbe anzubringen. Und wenn man die schon fix und fertig kaufen kann, Bitteschön. Die Realität ist ja vielfach auch zu schrecklich, um sich mit ihr abgeben zu wollen. Authentizität in Form von Terrorismus, Populismus und Migranten wollen wir lieber nicht in echt erleben. Es ist viel schmerzfreier, ein wenig Patina aufzupinseln. Leider verstellt das gehörig den Blick. Dass das Leben Mühe bereitet, blenden wir auf diese Weise sauber aus und verlieren leicht die Einsicht, dass Engagement und Einsatz notwendig und lohnend sind und Respekt verdienen. Sei es in sozialer, politischer oder ganz banal in fotografischer, gestalterischer Hinsicht.

Die einflußreichsten Bilder der Welt

Die Times hat jetzt eine Website veröffentlicht, auf der sie die vermeintlich einflußreichsten Fotos der Welt versammelt. Schauen Sie am besten selbst mal nach – Sie werden wahrscheinlich die Mehrzahl dieser Fotos bereits gesehen haben.

Vor fast 10 Jahren habe ich an dieser Stelle bereits einen kurzen Beitrag zur Frage veröffentlicht, wie und warum ein Foto die Welt ändern kann, wenig später folgte noch ein weiterer Beitrag, der darauf schloß, dass wahre Ikonen nicht mal eine Unterzeile brauchen.

Fussball: Wie das Urheberrecht für absurde Gewinne missbraucht wird

Künftig vorgeschriebener Sicherheitsabstand „Fotograf—Stadion“ zum Schutz milliardenschwerer Übertragungsrechte? Veltins-Arena auf Schalke aus der Luft © Till Erdmenger – Businessfotos

Künftig vorgeschriebener Sicherheitsabstand „Fotograf—Stadion“ zum Schutz milliardenschwerer Übertragungsrechte? Veltins-Arena auf Schalke aus der Luft © Till Erdmenger – Businessfotos

Ich gebe es vorweg zu: Ich bin kein Fussball-Fan. Ich kann damit nichts anfangen. Es gibt mir auch nichts, dass „wir“ Weltmeister geworden sind – wo doch mehr als 99,9% der deutschen Bevölkerung rein gar nichts dazu beigetragen hat. Das aber nur am Rande. Mich erinnert der Fussball-Zirkus an Rom (Brot und Spiele für das Volk) und seine Sklaven (Spieler werden „verkauft“). Unglaublich, was da für Gewinne realisiert werden – das wissen Sie ja selbst. Was ich gestern gelesen habe, setzt dieser zügellosen Profitgier allerdings noch die Krone auf: Nun wird es britischen Fans verboten, während Fußballspielen zu fotografieren oder zu filmen. Denn die Bilder von den Toren sollen nicht sekundenschnell über Twitter & Co., sondern über die zahlenden Medien verbreitet werden. Die Übertragungsrechte wurden grade für 3 Milliarden britische Pfund verkauft! Soweit kann ich der Logik noch folgen – die Sender wollen für ihr Geld eine Gegenleistung, und Stadienbesitzer dürften womöglich „Hausrecht“ geltend machen. Absolut unfassbar ist allerdings, dass Dan Johnson, Sprecher der Premier League, dazu verlauten lässt: „Wir müssen unser geistiges Eigentum schützen“. Das ist absurd! Wie kann – bitteschön – ein Torschuss geistiges Eigentum raffgieriger Interessengemeinschaften sein? Denkt sich Herr Johnson solche Tore etwa aus? Passieren sie etwa gar nicht real? Dass das Urheberrecht auf solch abwegige Art missbraucht wird, um Einnahmen zu maximieren, kann nicht umkommentiert bleiben. Darum: Lassen Sie Ihrer Meinung freien Lauf und kommentieren Sie den Fall gleich hier unterhalb dieses Beitrags! Ich bin gespannt auf Ihre Meinung!

Wieviel Wahrheit muss ein Foto zeigen?

Straßenszene in Bangalore © Till Erdmenger – Businessfotos

Straßenszene in Bangalore © Till Erdmenger – Businessfotos

Ein Foto zeigt immer jene Wahrheit, die dem Fotografen, dem Auftraggeber und dem Verwendungszweck gerecht wird. Fotos stellen immer eine subjektive Wahrheit dar. Wenn also behauptet wird, dass Bilder lügen, dann liegt dem die falsche Annahme zugrunde, dass Fotografie ein objektives, unbestechliches Medium sei. Nein, ist es nicht – es liegt jedem Foto eine Intention zugrunde, die zu einer Diskrepanz zwischen Realität und abgebildeter „Wahrheit“ führen kann.

Wenn jetzt behauptet wird, die Fotografie erlebe eine Vertrauenskrise, weil Fotos aus dem Zusammenhang gerissen werden, dann muss man gleichzeitig erwähnen, dass solche Fotos deshalb nicht gefälscht sein müssen. Sie stammen nur möglicherweise aus anderen oder zurückliegenden Konflikten. Die vom Spiegel postulierte Bilderkrise wird allerdings lediglich mit Beispielen aus dem Kurznachrichtendienst Twitter belegt – überwiegend von Privatpersonen in Umlauf gebrachte Fotos. Nun kann und darf man wohl kaum erwarten, dass solche Personen die Authentizität von Fotos in jedem Fall überprüfen (können), bevor sie verbreitet werden. Man sollte auch nicht vermuten, dass diese Menschen keine Intention hätten, wenn sie ihre Meinung kundtun. Es sollte daraus aber auch keine Vertrauenskrise in Bezug auf Fotografie abgeleitet werden. Vielmehr wäre es hilfreich darauf hinzuweisen, dass man heutzutage bei der Aneignung von Meinungen und Weiterverbreitung von „News“ einen gewissen gesunden Menschenverstand anwenden sollte, ein gewisses Mass an Skepsis zeigen und mal kurz denken sollte, bevor man klickt.

Ausstellung: Die Welt um 1914 – vor dem großen Krieg

Albert Kahn, Les Archives de la planète – Stephane Passet, Frankreich, Paris, Eine Familie in der Rue du Pot de fer, 24. Juni 1914 © Musée Albert-Kahn, Departement des Hauts-de-Seine. Mit freundlicher Genehmigung.

Albert Kahn, Les Archives de la planète – Stephane Passet, Frankreich, Paris, Eine Familie in der Rue du Pot de fer, 24. Juni 1914 © Musée Albert-Kahn, Departement des Hauts-de-Seine. Mit freundlicher Genehmigung.

Eine äußerst interessante Ausstellung beginnt heute im Martin-Gropius-Bau in Berlin. Sie zeigt Farbfotos aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg, der vor 100 Jahren begann. Lange vor Agfacolor und Kodachrome wurde hier ein frühes Verfahren der Farbfotografie verwendet.

Im Zentrum der Ausstellung stehen die bislang fast vergessenen Farbfotografien und Filme, die der französische Bankier Albert Kahn in Auftrag gegeben hat und die vor dem Ersten Weltkrieg entstanden sind.

Begeistert vom farbfotografischen Verfahren der Gebrüder Lumière beauftragte er in einer Zeit, als die Nationen Europas bereits zum Großen Krieg rüsteten, Fotografinnen und Fotografen, um mit Farbbildern aus aller Welt die Archives de la planète aufzubauen. In diesem Bildarchiv haben sich über 70.000 Farbbildaufnahmen erhalten. Sie stellen einen immensen ethnografischen Schatz dar und sollten zugleich eine Friedensmission erfüllen: Die Fremde in die Nähe zu holen. Seine Aktivitäten sollten den langst brüchig gewordenen Frieden sichern helfen. Die Ausstellung bringt den Bilderschatz einer längst versunkenen Welt ans Licht.

Im vergangenen Jahrhundert ist viel geschehen, vieles hat sich verändert, einiges ist gleich geblieben: Die Neugier auf die Welt, der Gedanke der Völkerverständigung, die Farbfotografie wie auch das Hochrüsten und Führen von Kriegen. Geändert haben sich die technischen Verfahren – Digitalkameras und Computer statt Glasnegativen und Dunkelkammern, Drohnen und Cyberwar statt Doppeldecker und Schützengräben. Es stellt sich die Frage, ob die Menschheit neben der technologischen Entwicklung auch gesellschaftliche und ethische Fortschritte gemacht hat – vielleicht kann ein Blick in die Ausstellung Aufschluss gewähren …

DIE WELT UM 1914. FARBFOTOGRAFIE VOR DEM GROSSEN KRIEG
1. August bis 2. November 2014
Martin-Gropius-Bau, Berlin

Buch-Tipp: Der Ruhrpott wird fotografisch vor dem Verfall bewahrt

Die Türme der Kokerei von Zollverein – ebenfalls mit HDR-Technik fotografiert. © Till Erdmenger – Businessfotos

Die Türme der Kokerei von Zollverein – ebenfalls mit HDR-Technik fotografiert © Till Erdmenger – Businessfotos

Der Pott, verfallendes Mahnmal einstiger Industrie-Größen, zieht seit jeher Fotografen in seinen Bann. Ob es nun die spröden Inventarisierungen des Ehepaars Becher oder bunte Knipsbilder nächtlicher Lichtinstallationen der postindustriellen Ära sind – die Aura von Stahl, Schweiß und Nostalgie bietet schon etwas ganz besonderes. Der Spiegel weist nun auf einen neuen Bildband des Fotografen Peter Untermaierhofer hin, der die vergessenen Orte des Ruhrgebiets abgefahren und dabei mystische, malerische HDR-Bilder – wie sie augenblicklich so angesagt sind – gemacht hat. Vielleicht weniger die meiner Meinung nach manierierten Fotos, als mehr der aufschlussreiche Begleittext macht die Lektüre lesenswert …

Bitte recht künstlich!

Bitte recht künstlich! Mein alter Freund Matthias Brodowy möge es mir nachsehen, dass ich ihn zur Illustration verwende. Gekünstelte Portraits haben auch immer eine komische Seite. © Till Erdmenger – Businessfotos

Bitte recht künstlich! Mein alter Freund Matthias Brodowy möge es mir nachsehen, dass ich ihn zur Illustration verwende. Gekünstelte Portraits haben auch immer eine komische Seite. © Till Erdmenger – Businessfotos

Üblicherweise versuchen Menschen, die anderen etwas verkaufen wollen, auf Fotos möglichst authentisch zu wirken. Insbesondere trifft dies auf Politiker zu, die selbstverständlich ehrlich wirken wollen. Grade in diesem Metier sind Fotografen hingegen versucht, jene Machtmenschen bewusst anders als von ihrer Schokoladenseite darzustellen – enttäuscht, überheblich oder kleinlaut. Kurz vor den Europawahlen und mitten im allgemeinen Hype um Selfies veröffentlich der Fotograf Wiktor Dabkowski eine Serie von Politikerportraits. Selbstinszeniert und mit der Aufforderung, die politische Facette der Persönlichkeit zum Vorschein zu bringen. Eine hübsche Idee mit überraschenden Ergebnissen, die Sie beim Manager Magazin durchblättern können.